Capitularia - Edition of the Frankish Capitularies

Paleographic Puzzles

13.03.2025

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Die Kapitularienhandschriften und das “Handschriftenarchiv” Bernhard Bischoffs

Die Auswertung des Nachlasses Bernhard Bischoffs zum Nutzen der Mittelalterforschung steht immer noch aus. Herrad Spilling zufolge sah Bischoff mittelalterliche Handschriften „mit Adleraugen aus der Vogelperspektive und bot eher selten eine Analyse von Einzelheiten, um sein Urteil zu begründen“ – und laut Einschätzungen Hartmut Hoffmanns führen seine Urteile dennoch exzeptionell selten auf Irrwege. Wohl kaum ein Forschungsprojekt, das sich gründlich mit frühmittelalterlichen Handschriften befasst, kann die Frage vermeiden, wie es mit bisweilen voneinander abweichenden, teils präzis-erleuchtenden, teils nüchtern-generellen, teils rätselhaft-knappen Datierungen und Lokalisierungen des genialen Paläographen umzugehen hat. Außerdem befindet sich sein Nachlass heute an drei verschiedenen Orten: bei den MGH, in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Universitätsbibliothek Leipzig. Mit diesem Blogpost von Clara Oepen trägt auch das Capitularia-Projekt zur Erforschung des bei den MGH aufbewahrten Teiles des Bischoff-Nachlasses bei. (G. Borisov)

Da nur der erste Band des im Druck erschienenen Katalogs der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (im Folgenden: KFH) noch auf einem vollständig überarbeiteten Manuskript Bischoffs basiert, die anderen Bände jedoch aus dessen Nachlass zusammengetragen wurden und einen uneinheitlichen Bearbeitungsstand widerspiegeln (vgl. das Vorwort der Herausgeberin in Band 2 sowie Hoffmann 2015, der besonders die Schwierigkeiten des dritten Bandes im Vergleich zu Band 1 und 2 des KFH hervorhebt), können sich im von Arno Mentzel-Reuters herausgegebenen „Handschriftenarchiv“ Bischoffs durchaus weitere, teils nicht berücksichtigte Einschätzungen des Paläographen verbergen. Diese betreffen nicht zuletzt jene Handschriften, die aufgrund ihrer späteren Datierung gar nicht in den Katalog aufgenommen wurden. Daher wurden die Abweichungen zwischen Katalog und Archiv für die Kapitularienhandschriften systematisch verglichen und hier zusammengetragen. Die in der Handschriftenabteilung der BSB und in der UB Leipzig liegenden Teile des Nachlasses müssen in dieser Hinsicht noch bearbeitet werden.

Die Bewertung der Notizen Bischoffs im Verhältnis zu den Angaben im KFH kann aufgrund der uneinheitlichen Zusammenstellung des Katalogs nicht homogen sein, zumal das „Handschriftenarchiv“ lediglich einen Teil des Bischoff-Nachlasses umfasst. Um dieser Uneinheitlichkeit sowie der Unsicherheit mancher Angaben im „Handschriftenarchiv“ Rechnung zu tragen, stehen zunächst die Fälle, in denen die Notizen Bischoffs mit Sicherheit relevante und höchstwahrscheinlich korrekte Informationen zu der jeweiligen Handschrift erhalten, da die Handschrift entweder aufgrund ihrer Datierung gar nicht im Katalog auftaucht oder die Notizen von Bischoff ergänzend zu den Angaben im KFH stehen. Weiter unten finden sich die Fälle, in denen die handschriftlichen Notizen Bischoffs sich widersprüchlich zu den Angaben im Katalog verhalten, sodass diese höchstens unter Vorbehalt Gültigkeit besitzen. Abschließend folgt eine Tabelle, welche die neuen Erkenntnisse knapp zusammengefasst darstellt. Nachgetragen finden sie sich auf den jeweiligen Handschriftenseiten.

Ergänzende Angaben zum KFH

Bamberg, Staatsbibliothek, Can. 12
Eine Notiz aus Bischoffs „Handschriftenarchiv“ ergänzt den Entstehungsort der Handschrift und gibt präzisierend, wenngleich unsicher, Nordfrankreich an. Bisher hatte lediglich Hartmut Hoffmann Frankreich als Ursprungsort der Handschrift vorgeschlagen, dabei jedoch eher für den Westen oder sogar den Süden bis Oberitalien plädiert (Hoffmann 1995, S. 124). Dass jedoch die im Bamberger Codex enthaltene Kapitulariensammlung des Ansegis der Reimser Gruppe zugeordnet wird (Stemma zur Kapitulariensammlung des Ansegis), bekräftigt aus textkritischer Perspektive die Lokalisierung Bischoffs.

Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek, A 128
Für die Dresdener Handschrift A 128 machte Bischoff detailliertere Angaben zur Provenienz als zuvor Hubert Mordek. So wurden als Provenienzorte das Kloster St. Jakob in Mainz sowie ein weiteres Kloster identifiziert, das Bischoff als „Marienkloster“ bezeichnet. Gemeint ist möglicherweise das Kloster St. Maria ad Gradus. Das von Mordek als ein Aufbewahrungsort der Handschrift angegebene Münsterkloster fehlt in Bischoffs Notizen. Unsicher schien Bischoff sich bei der Datierung der Handschrift, die er in einer Notiz (wie Mordek) ins 12. Jh., in einer anderen abweichend ins 11. Jh. verortete. Ferner identifizierte er einen Handwechsel auf fol. 47v/48r und schrieb der ersten Hand einen „Mainz-Fulda-Hersfelder-Charakter“ zu. Gemeinsam mit den Provenienzangaben ließe sich daraus möglicherweise sogar eine Entstehung der Handschrift in Mainz ableiten.

London, British Library, Egerton 2832
Diese Londoner Handschrift datierte Bischoff, anders als später Hubert Mordek (Mordek 1995), nicht auf das beginnende 10., sondern auf das ausgehende 9. Jh. Zudem schlug er Corbie als möglichen Entstehungsort vor, wobei ihm Mordek später entsprach.

Salzburg, Bibliothek der Erzabtei St. Peter, a. IX. 32
Für die Salzburger Handschrift a. IX. 32 schlug Bischoff in seinen Notizen unsicher die zweite Hälfte des 10. Jh. vor und datierte die Handschrift damit früher als die bisherige Forschung (1. Hälfte 11. Jh.).

Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 502
Bisher unbeachtet, da aufgrund der Datierung im KFH fehlend, aber dem bisherigen Kanon der Forschung entsprechend, datierte Bernhard Bischoff diese Handschrift in seinen Notizen ebenfalls auf das 10. Jh.

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 97 Weiss.
Bischoff ordnete die Handschrift in seinen Notizen dem Zeitraum zwischen 754-768 zu und wählte damit bereits den Terminus post quem, den später auch Magali Coumert identifizierte (Coumert 2023, S. 99). Anders als Coumert schien für Bischoff das Fehlen von Childerich III. in der Königsliste der Handschrift als Argument für einen Terminus ante quem auszureichen. Ergänzend steht in Bischoffs Notizen außerdem Tours als Entstehungsort, während Mordek die Entstehung der Hs. (offensichtlich nach einer anderen Datierung Bischoffs) vorsichtiger in Nord- oder Ostfrankreich lokalisierte. Wichtig zu bemerken ist jedoch, dass Karl August Eckhardt 1951 auf eine Einschätzung Bischoffs verwies, nach welcher der Terminus post quem im Jahr 751 und der Entstehungsort im Norden oder Osten Frankreichs liegt (Eckhardt 1951, S. 10). Da unklar ist, zu welchem Zeitpunkt die Notizen Bischoffs entstanden sind, muss offenbleiben, bei welcher Einschätzung Bischoffs es sich um die jüngere und damit möglicherweise auch um die überarbeitete, korrektere handelt.

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 50.2 Aug. 4°
Obwohl im KFH lediglich Nordostfrankreich als Entstehungsort festgehalten wurde, findet sich in Bischoffs Notizen noch Weißenburg als vermuteter, allerdings nicht gesicherter Entstehungsort. Die Provenienz Weißenburg, die sowohl Heinemann (Heinemann 1966, S. 50) als auch Coumert (Coumert 2023, S. 311) hervorhoben, schien Bischoff für den möglichen Herkunftsort zu halten.

Abweichungen vom KFH

Oxford, Bodleian Library, Laud misc. 126
Im Katalog Bischoffs (Bd. 2, Nr. 3828a) findet man für diese in Würzburg entstandene Handschrift eine Datierung auf das „VIII./IX. Jh.“. Im „Handschriftenarchiv“ steht jedoch die konkretere Angabe „8. Jh.“, was den Einschätzungen von Hubert Mordek ebenso wie später Hoffmann (Hoffmann 2010) und Licht (Licht 2018) entspricht, sodass die Notiz im Gegensatz zum Katalog möglicherweise die korrektere Information enthält.

Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 2796
Obwohl Bischoff sich in seinem Katalog für die ungenauere Datierung auf das 8./9. Jh. entschied, findet sich in seinen Notizen eine Konkretisierung des Entstehungszeitraums auf „gegen 813“. Diese Einschätzung nahmen auch Hubert Mordek (Mordek 1995, S. 430-432) sowie Eckhard Wirbelauer (Wirbelauer 1993, S. 195) vor, weshalb die Datierung im KFH als zu ungenau gelten darf.

Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 4278
Während der Katalog der festländischen Handschriften dieses Pariser Manuskript auf die zweite Hälfte des 9. Jh. datiert, findet sich in Bischoffs Notizen an zwei unterschiedliche Stellen die Datierung auf das 10. Jh., einmal sogar ergänzt um die Angabe „um 58“. Das entspräche den vorangegangenen Einschätzungen von Jacqueline Rambaud-Buhot (1965) bzw. Lotte Kéry (Kéry 1999, S. 165), die die Handschrift ebenfalls auf das 10. Jh. datierten, wobei Kéry allerdings für das ausgehende 10./beginnende 11. Jh. plädierte.

Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 4419
Wenngleich sich die Forschung mehrheitlich für das 10. Jh. als Entstehungszeitraum der Handschrift ausspricht (Hartmann 2008, Siems 2008, vorher schon Hänel 1849, Mommsen 1905 und Liebs 2002), gibt es doch vereinzelte Stimmen, welche die Handschrift auf das 9. Jh. datieren. So ordnete sie beispielsweise Magali Coumert vor dem Hintergrund der karolingischen Correctio hingegen dem 9. Jh. zu (Coumert 2023, S. 262). Daher könnte die handschriftliche Notiz Bischoffs mit der Datierung auf die 1. Hälfte des 9. Jh. ebenso valide sein.

Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. Lat. 1283
Übereinstimmend mit dem Großteil der bisherigen Forschung datiert der KFH die Handschrift aus dem Vatikan schließlich auf das 9. Jh. In den handschriftlichen Notizen Bischoffs findet sich jedoch die zwar ungenauere, allerdings wesentlich später geschätzte Datierung auf das 10. oder 11. Jh. Dieser Einschätzung entspräche auch die These Tischlers, der die Handschrift sicher erst auf das 10. Jh. datierte (Tischler 2008, S. 225).

Handschrift KFH „Handschriftenarchiv“ Mikrofiche
Bamberg, Staatsbibliothek, Can. 12 10. Jh., 1. Hälfte Entstehungsort: Nordfrankreich Fiche 4, S. 54
Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek, A 128 / 11./12. Jh.

Provenienzorte: St. Jakob und “Marienkloster“ in Mainz (evtl. St. Maria ad gradus)

Handwechsel auf fol. 47v/48r

Erste Hand; „Mainz-Fulda-Hersfeld-Charakter“

Fiche 9, S. 56
London, British Library, Egerton 2832 / 9. Jh., 2. Hälfte (bis 10. Jh.) Fiche 46, S. 28
Oxford, Bodleian Library, Laud misc. 126 8./9. Jh. 8. Jh. Fiche 47, S. 92
Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 2796 9. Jh., Anfang gegen 813 Fiche 31, S. 2
Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 4278 9. Jh., ca. 3. oder 4. Viertel 10. Jh., um 58 Fiche 34, S. 77
Paris, Bibliothèque nationale de France, Lat. 4419 / 9. Jh., 1. Hälfte Fiche 34
Salzburg, Bibliothek der Erzabtei St. Peter, a. IX. 32 / 10. Jh., 2. Hälfte Fiche 58, S. 75
Vatikan, Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. Lat. 1283 9. Jh., 2. Hälfte 10./11. Jh. Fiche 74, S. 68
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, 502 / 10. Jh. Fiche 60, S. 90
Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 97 Weiss. / 754-768

Entstehungsort: Tours

Fiche 25, S. 65
Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 50.2 Aug. 4° 9. Jh., 1./2. Viertel, Nordostfrankreich Entstehungsort: Weißenburg (?) Fiche 26, S. 8

C. Oepen

Literatur:

Coumert 2023
Hänel 1849
Hartmann W 2008
Hoffmann 2010
Hoffmann 2015
Kéry 1999
Licht 2018
Liebs 2002
Mommsen 1905
Mordek 1995
Rambaud-Buhot 1965
Siems 2008
Tischler 2008
Wirbelauer 1993

How to cite
Clara Oepen, Paleographic Puzzles, in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff. URL: https://capitularia.uni-koeln.de/en/blog/werkstatt_handschriftenarchiv-bischoff/ (accessed on 01/23/2026)