Capitularia - Edition of the Frankish Capitularies

Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, 722

Manuscript description according to Mordek

Repository
Sankt Gallen
Stiftsbibliothek
722
Siglum Sg10
Digital image available at e-codices
Origin and history
Origin:

8./9. Jh. (Mordek), unter Bischof Remedius (vor 800-820) für fol. 1-16 u. 19-256 (Bischoff), rätisch (wohl Chur) (Chur auch bei Bischoff)

Provenance:

Großteils Palimpsest; Erstschrift des beginnenden 6. Jh. in Halbunziale, (Ober-) Italien (pp. A-B, 1-2, 17-258, 263-268): Psalmenkommentar des Hilarius von Poitiers; ferner 4 Seiten (pp. 259-262) aus der 2. Hälfte des 8. Jh., in rätischer Minuskel: 2 Esdra 6, 11 bis 7, 9 und 9, 18-30 (Versio Vetus Latina). Alte Signaturen: <N> 22 im St. Galler Bibliothekskatalog von 1461 (ein rotes N noch auf dem Rückenschild des 15. Jh. erhalten) (MBK 1, S. 117); D. n 184 (p. 1 oben) (Katalog P. Kolb).

Physical description
Material: Pergament
Number: 135 foll. (paginiert A-B [benutzt als Vorsatzblatt], 1-268)
Size: 250-255 × 150-165 mm
Body text: 175-190 × 110-120 mm
Quires:
I2 + (III+l)16 (eingeheftet) + 2 IV48 + III60 + 13 IV268
Kustoden: A (32) bis O (236)
Lines: 22-26
Columns: 1
Script: rätische Minuskel
Scribe(s): mehrere Hände
Decoration:

Unzial- und Minuskelrubriken in brauner Texttinte (p. 2 rot); einfache oder leicht verzierte Initialen in Braun, auch rot umpunktet oder ausgemalt; rote Zahlen

Binding:

restaurierter karolingischer Originaleinband aus braunem Rindsleder um Holzdeckel, mit ungewöhnlicher Zierprägung (Stempel und Linien, auch in Form eines gleicharmigen Kreuzes) und Schließe; altes Rückenschild mit der Aufschrift: <DECRE>TA IU<STI>NIANI IMPER, z. T. überklebt mit jüngeren Papieraufschriften. Innendeckel vorn: aufgeklebtes Papierblatt mit Notiz des St. Galler Benediktiners Ildefons von Arx aus dem Jahre 1825 zum „Codex Rescriptus“.

Contents
Note:

Die am Ende der Hs. kopierten Capitula des Bischofs von Chur und Praeses von Rätien Remedius (um 802) sind nach Siems, Zu Problemen der Bewertung frühmittelalterlicher Rechtstexte, S. 293 „nicht als Capitula episcoporum einzustufen. Vielmehr zeigen sie die Züge eines ,Herrscherkapitulars‘, wie bereits die peinlichen Strafen nahelegen“ (ähnlich ders., Handel und Wucher, S. 326). Bischof Remedius nahm als zugleich weltliches Oberhaupt der relativ eigenständigen churrätischen Provinz offenbar eine Stellung ein, die im Prinzip der eines Tassilo III. in Bayern entsprach, mit seinen „Kapitularien“ von Dingolfing (um 770) und Neuching (771/772). Von den zahlreichen Exemplaren, aus denen die Priester zweimal monatlich allem Volk den Text vorlesen und erläutern sollten, überdauerte - wenn auch nicht in Form eines breue, wie sich die Capitula nennen - eine einzige Überlieferung, eben die des Sangallensis 722. Gleichwohl scheint sie noch im Chur des Remedius niedergeschrieben, also dem Original zeitlich und räumlich sehr nahe zu stehen.
Cod. St. Gallen 722 ähnelt, wie Lowe und Bischoff meinen, paläographisch besonders Cod. Stuttgart HB VI 113 mit der Collectio canonum Weingartensis, die ihrerseits von der Collectio Tuberiensis der Fragmente München Lat. 29550/1 aus dem rätischen Müstair/Taufers abhängt (vgl. H. Mordek, Spätantikes Kirchenrecht in Rätien. Zur Verwandtschaft von Tuberiensis und Weingartensis als Tradenten des ältesten lateinischen Corpus canonum, in: ZRG Kan. Abt. 79 [1993] S. 16-33). Ich meine sogar, die Hand, die unter anderem die Capitula Remedii geschrieben hat, war auch in Cod. Stuttgart HB VI 113 am Werke; offenbar interessierte sich der Schreiber vornehmlich für kirchenrechtliche Texte. Inhaltlich schöpfte der Sangallensis, so Zeumer, MGH LL 5, S. 294 f. (Stemmata bei Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. XXXV), aus demselben Archetypen wie die Lex-Romana-Curiensis-Hs. Leipzig, Universitätsbibliothek, 3493 + 3494 (1. Drittel und Mitte des 9. Jh., Oberitalien [wohl Verona, Provenienz: Udine]; von Meyer-Marthaler, S. XV mit Anm. 12 als verschollen gemeldet, kann der Lipsiensis jetzt anscheinend wieder im Original benutzt werden, vgl. Krah, Lex episcoporum, S. 11 f.).
In der Ausgabe Meyer-Marthalers sind sämtliche Zweitschrift-Texte des Sangallensis 722 kompakt vereint (Sigle Ab), doch werden im folgenden auch die bahnbrechende Edition Hänels und die MGH-Ausgabe Zeumers vermerkt:

  • A, B
    Ohne Zweitschrift.

  • 1
    Lateinisches Inhaltsverzeichnis von Pater Pius Kolb aus dem Jahre 1753.

  • 2
    Unter der Überschrift INCIPIUNT CAPITULA IUSTINI IMPERATORIS SACRA PRIUILEGIA CONCILII UIZACENI Capitulatio mit neun Kapiteln (ed. G. Hänel, Über die Handschrift zu Udine mit der Lex Romana, in: Berichte über die Verhandlungen der königlich sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Philol.-hist. Cl. 4 [Leipzig 1852] S. 80; Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. 618 f.); Rest der Seite ohne Zweitschrift.

  • 3-15
    Constitutiones domini Iustiniani imperatoris pro diversis capitulis episcoporum, monachorum, clericorum, ohne Capitulatio (ed. G. Hänel, Über ein unedirtes Gesetz des Kaisers Justinus II., so wie über eine Sammlung von Stellen der Julian’schen Epit. Novellarum, in: Berichte über die Verhandlungen der königlich sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Philol.-hist. Cl. 9 [Leipzig 1857] S. 13-20; Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. 623, 625 etc. - S. 643 [synoptisch zur Urquelle, der Epitome Iuliani]); am Schluß: EXPLICIUNT CONSTITUCIONES IMPERATORIS IUSTINIANI PII AUGUSTI DE REBUS AECCLESIASTICIS DATA DIUERSIS TEMPORIBUS PRAEFECTIS PRAETURIORUM.

  • 16
    (Nachtrag des endenden 9. Jh.) Kleines Gebet (ed. Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. 644).

  • 17-18
    Ohne Zweitschrift.

  • 19-247
    Lex Romana Curiensis, mit Einzelcapitulationes vor den jeweiligen Büchern (ed. Hänel, Lex Romana Visigothorum, S. 17, 19 etc. - S. 425 [Epit. S. Gall.]; Zeumer, MGH LL 5, S. 305-441; Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. 21, 23 etc. - S. 613 [Hänel und Meyer-Marthaler synoptisch zur Urquelle, der Lex Romana Visigothorum]); pp. 128, 232 und 246 ohne Zweitschrift wegen zu dünnen Pergaments.
    Zwei Kapitel der Lex Romana Curiensis sind in jene kleine Collectio eingeflossen, die im Liber-Papiensis-Codex Mailand O. 55 sup., foll. 33r-40r (siehe dort) als Kapitular Kaiser Ludwigs ausgegeben wird.

  • 248-256
    I (sonst keine Zählung) - Capitula Remedii episcopi Curiensis et praesidis Raetiae (ca. a. 802), Kapitelverzeichnis und Text, nur hier überliefert: INCIPIUNT CAPITULA. De dominicis diebus et reliquis festiuitatibus sanctorum - De reclamationes pauperum uel oppresiones. Ut dominicis diebus sicut cannones continentur - emendare uel custodire (ed. Hänel, Lex Romana Visigothorum, S. 455 f.; MGH LL 5, S. 181-184 und 441-444; Meyer-Marthaler, Lex Romana Curiensis, S. 645-649).

  • 257-268
    Ohne Zweitschrift.

Bibliography
References:
Catalogues:
  • G. Scherrer, Verzeichniss der Handschriften der Stiftsbibliothek von St. Gallen (Halle 1875) S. 231 f.
Images:
  • MGH LL 5, Tab. II nach S. 292 (p. 186 u. a.)
  • Durrer, Ein Fund von rätischen Privaturkunden, Taf. II unten (p. 250, Ausschnitt)
  • Bruckner, Scriptoria 1, Tafel I, IV und V (pp. 264, 260 [Ausschnitte], pp. 235, 220-221)
  • CLA 7 (1956) Nr. 946, vor S. 31 (pp. 143 und 51, Ausschnitte), dazu Palimpseste Nr. 947 und 948 (pp. 257 und 260, Ausschnitte)


Transcription

Editorial Preface to the Transcription

Transkriptionsvorlage: