Hinter dem Team des Kapitularienprojektes liegen ereignisreiche Tage voller intensiver Forschung, internationalem Austausch und wertvoller Vernetzung. Wir blicken auf eine arbeitsreiche Reise in die Ewige Stadt sowie auf die Teilnahme am jüngsten Netzwerktreffen der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste (AWK NRW) in der Landeshauptstadt zurück. Zwei Stationen, die auf unterschiedliche Weise zeigen, wie fruchtbar die Verbindung von traditioneller Handschriftenarbeit und digitalen Methoden ist.
Station 1: Rom – Vom Lesesaal der BAV zum DARIAH Annual Event
Vom 24. bis 29. Mai 2026 verschlug es „uns” (in Person von Daniela Schulz) nach Rom. Die ersten beiden Tage waren der klassischen, analogen Kernarbeit unseres Projekts gewidmet: der Autopsie von Handschriften im Original. In den ehrwürdigen Hallen der Vatikanischen Bibliothek (Biblioteca Apostolica Vaticana, BAV) untersuchten wir die Handschriften Pal. lat. 582, Pal. lat. 289 und Vat. lat. 4982.
Ziel war es, am Digitalisat nicht entzifferbare Textstellen bzw. Korrekturen zu klären. Dabei kam unter anderem eine UV-Lampe zum Einsatz. Das ultraviolette Licht half dabei, vereinzelt radierte, mit bloßem Auge längst unsichtbare Schriftstellen zu entziffern (zumindest in Ansätzen). Momente wie diese zeigen einmal mehr, dass digitale Scans die direkte Arbeit am Codex nie ganz ersetzen können.
Nach zwei Tagen intensiver Arbeit in der BAV ging es von der Handschriften-Autopsie direkt in die Welt der Digital Humanities. An der Universität Roma Tre stand das DARIAH Annual Event 2026 auf dem Programm. Die Veranstaltung stand in diesem Jahr unter der Überschrift „Digital Arts and Humanities With and For Society: Building Infrastructures of Engagement”. Am Donnerstag durften wir dort in einer mit rund 30 Personen gut besuchten Session einen Vortrag mit dem Titel „Making Medieval Legal Heritage Accessible: Bibliotheca legum and Capitularia as Cooperative Digital Projects” präsentieren.
In dem Vortrag zeichneten wir nach, wie die zwei historisch sehr unterschiedlich gewachsenen Projekte Capitularia und Bibliotheca legum (BL) erfolgreich Synergien bilden. Beide Projekte greifen heute ineinander, um das weltliche Recht des Frühmittelalters plattformübergreifend und vernetzt zugänglich zu machen. Ein Schlüssel dazu ist auch unsere Kooperation im Netzwerk Databases of Early Latin Manuscripts (DELM). Über den DELM-Lookup-Service verknüpfen wir verstreute Datensätze unkompliziert auf Basis von Bernhard Bischoffs „Katalog” und den „Codices Latini Antiquiores” (CLA). Ergänzt durch standardisierte Identifikatoren des deutschen Handschriftenportals stellen wir sicher, dass unsere TEI-XML-Daten zukunftsfähig und interoperabel bleiben.1
Besonders gefreut hat uns das Feedback in der anschließenden, sehr lebhaften Fragerunde am Ende der Session: Die Community bestärkte uns nachdrücklich darin, unsere Bemühungen um die Statifizierung der Projekthomepage weiter voranzutreiben. Abseits unseres eigenen Beitrags bot die Konferenz Gelegenheiten, sich mit Kolleginnen und Kollegen internationaler DH-Projekte auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.
Station 2: Düsseldorf – WissKomm und KI im Akademienprogramm
Kaum aus Rom zurückgekehrt, hieß es dann für das gesamte Team am Mittwoch, den 03. Juni 2026: Auf nach Düsseldorf! Die AWK NRW hatte zum 2. Vernetzungstreffen geladen. Solche Treffen sind eine gute Gelegenheit, um Kontakte zu anderen Langzeitprojekten zu vertiefen, aktuelle Entwicklungen zu diskutieren und in informeller Atmosphäre neue Anknüpfungspunkte für Kooperationen im Rahmen des Akademienprogramms zu entdecken.
Der Vormittag stand ganz im Zeichen der Vorstellung jener Projekte, die in jüngster Zeit neu zum Programm hinzugestoßen sind. Am Nachmittag teilte sich das Programm in zwei parallel verlaufende, hochaktuelle Workshops auf: „Strategisch Wirkung entfalten: Impact und Transfer” mit dem Schwerpunkt auf Wissenschaftskommunikation sowie „Digitalität im Akademienprogramm: KI und Verantwortung”, welcher von der Koordinierungsstelle Digital Humanities (CCeH) gestaltet wurde.
Um möglichst viel von den Workshops für das Projekt mitzunehmen, teilte sich unser Team auf. Beim KI-Workshop waren wir nicht nur als Zuhörer vor Ort, sondern beteiligten uns mit einem eigenen Impuls zum Thema „KI als Teil des zukünftigen editorischen Workflows in Capitularia?” aktiv an der Debatte. Dabei ging es um hochrelevante Fragen: Wo kann künstliche Intelligenz sinnvoll unterstützen, und wo verläuft die Grenze zur (editorischen) Verantwortung, die nach wie vor unteilbar beim menschlichen Experten liegen muss? Die Diskussion hat gezeigt, dass die Digitalen Geisteswissenschaften hier vor gewaltigen, aber ungemein spannenden Umbrüchen stehen und es Orientierungshilfen bedarf, um die Entscheidung für den Einsatz von KI-Tools begründet treffen zu können.
Fazit
Ob mit der UV-Lampe im abgedunkelten Handschriftenlesesaal in Rom oder bei der theoretischen Debatte über Wissenschaftskommunikation und KI-Workflows in Düsseldorf: Wege zur Erkenntnis gibt es viele. Für uns hat sich in den vergangenen Tagen wieder einmal gezeigt, dass Fortschritt im Bereich des digitalen kulturellen Erbes nur durch die Kombination aus handfester philologischer Arbeit und starker, projektübergreifender Vernetzung gelingt.
[1] Mehr zu diesem Thema im Blogpost Aus dem Maschinenraum #1: Vernetzung als Mehrwert. Capitularia zwischen DELM, NFDI und Akademie. Die Folien zum Vortrag werden zeitnah auf Zenodo zur Verfügung gestellt werden. ↑
