Laon, Bibliothèque municipale, 201
Beschreibung der Handschrift nach Mordek
Aufbewahrungsort
LaonBibliothèque municipale
201
Entstehung und Überlieferung
Entstehung:
9. Jh., um die Mitte (Bischoff: 2. Drittel); Cambrai, zur Zeit Bischof Theoderichs (831-863) (Mordek, Bischoff)
Provenienz:
Saint-Pierre (später Saint-Aubert), Cambrai (Schenkungsvermerk fol. 2r). Alte Signatur: N° 38 (fol. 1r von neuzeitlicher Hand, mit Inhaltsangabe Extracta è Conciliis)
Äußere Beschreibung
| Material: | Pergament |
|---|---|
| Umfang: | 112 foll. (die ältere Foliierung ist fehlerhaft, daher wird hier nur die korrekte jüngere benutzt) |
| Maße: | 215-220 × 170-175 mm |
| Schriftraum: | 165-170 × 125-130 mm |
| Lagen: |
I2 + (V-l)11 +
III17 + IV25 +
(IV-1)32 + III38 + 8
IV102 (nach 102 Verlust einer Lage) +
(IV+I)112 (106-107: Unio)
Kustoden: I (38v) bis VIIII (102v). Inhalt und Kustoden weisen zwei Teile aus: foll. 3-32 und
33-112.
|
| Zeilen: | meist 20 |
| Spalten: | 1 |
| Schrift: | karolingische Minuskel |
| Ausstattung: |
Unzial-, auch Minuskelrubriken in Rot, selten in dunkelbrauner bis schwarzer Texttinte |
| Einband: |
schlecht erhaltener Halbledereinband |
Inhalte
Anmerkung:
Der ganz auf kirchliche Belange ausgerichtete Cod. Laon 201, u. a. mit der
bekannten Collectio canonum Laudunensis (besser Cameracensis) sollte als
Ganzes betrachtet werden. Es läßt sich zwar nicht zweifelsfrei beweisen, hat
aber doch viel Wahrscheinlichkeit für sich, daß der Schenker der Hs.,
Bischof Theoderich von Cambrai, über dessen Stadt das Werk kaum
hinausgewirkt hat, auch als sein Urheber zu betrachten ist. Jedenfalls zeigt
der Laoner Codex codicologisch wie inhaltlich deutliche Anzeichen eines
Erstexemplars, auch im Vergleich mit der wohl direkten Teilkopie Cod. St.
Petersburg Q. v. II. 5 (siehe dort).
Die in ein Ensemble
theologischer, kanonistischer u. a. Texte eingestreuten Kapitularien, unter
ihnen vielleicht ein bislang unbekanntes Stück, sind nie als solche
gekennzeichnet; sie verdanken ihre Aufnahme offenbar weniger der Provenienz
als dem Gewicht ihrer Aussage, wie sich der Sammler überhaupt sein Material
aus einer Vielzahl z. T. seltener Quellen gezielt zusammengesucht hat.
Bibliographie
Literatur:
- Werminghoff 1901a, S. 16
- W. M. Lindsay, Notae Latinae. An Account of Abbreviation in Latin MSS. of the Early Minuscule Period (c. 700-850) (Cambridge 1915) S. 459
- Seckel 1922, S. 13
- Fournier P 1926, S. 217-218 bzw. S. 160-161
- P. W. Finsterwalder, Eine parteipolitische Kundgebung eines Anhängers Lothars I., in: NA 47 (1928) S. 400, 412-413
- M. Lintzel, Die angebliche Parteischrift eines Anhängers Lothars I., in: NA 49 (1932) S. 2-3
- R. Naz, in: DDC 6 (1957) Sp. 343 (dort zu Unrecht auch Cod. Vatikan Reg. Lat. 407 als Hs. der Collectio Laudunensis bezeichnet)
- de Clercq C 1958, S. 159
- Mordek 1975, S. 164-165
- Contreni 1978, S. 82
- Reynolds R 1983, S. 112
- Brommer 1984, S. 234 ff. (mit Edition der foll. 50r-52r überlieferten Capitula Cameracensia)
Kataloge:
- Catalogue général des manuscrits des bibliothèques publiques des départements 1 (Quarto Series) (Paris 1849) S. 141 (F. Ravaisson)
Transkription
Editorische Vorbemerkung zur Transkription
Transkriptionsvorlage: Ein gutes schwarz/weiß Digitalisat.
Schreiber
Ein Schreiber, der eine "vollendet durchgebildete" karolingische Minuskel beherrscht (Bischoff 2004, S. 29). Bei Überschriften und Rubriken wird meist eine Unziale verwendet.
Buchstabenformen
Verwendung von doppelstöckigem a und offenem g. Ligaturen: häufig ct, et (auch im Wortinneren), rt und st; selten zudem or, ra sowie am Wortende nt.
Gliederungsmerkmale
Fol. 11r (Mordek 11): Nach dem Glossar-Eintrag Deuocari ist auf den letzten vier Zeilen der Seite das mit De incestis beginnende Einzelkapitel von Mordek 11 als eigener Absatz eingeschoben, bevor das Glossar auf fol. 11v mit dem Eintrag zu Degere fortsetzt. Im Gegensatz zu allen mit einem unzialen, leicht vergrößertem D beginnenden Glossareinträgen wird das Kapitel durch eine weit in die Unterlänge vergrößerte D-Initiale in Capitalis eröffnet. Das Kapitelende markiert ein Trigonus, während die Glossareinträge jeweils mit einem einfachen punctus beendet werden.
Fol. 35v, 76v, 82r-83r (BK 14, 78): Im Rahmen der Collectio canonum Laudunensis (fol. 33-35v [Capitulatio], 38r-94v [Text]) findet sich jeweils an Position LXXXI eine Rubrik bzw. der Text von BK 14 c. 11. Weder die Capitulatio noch der Haupttext der Sammlung werden durch Überschriften eröffnet. Teilweise finden sich auch im Textblock Rubriken (in Unziale) vor dem Kapiteltext, die identische oder etwas ausführlichere Fassungen der Rubriken in der Capitulatio bieten; bei BK 14 c. 11 ist dies allerdings nicht der Fall. Nach dem Aussetzen der Kapitelzählung (zuletzt LXXXVIIII auf fol. 80v) folgen u. a. die so genannten Statuta Bonifatii (fol. 81v-86v; deren Anfang ist durch eine Rubrik in Unziale S(AN)C(TU)S BONEFACIUS ARCHIEP(ISCOPU)S markiert). Sie enthalten in zwei Blöcken Auszüge aus BK 78 (c. 2, 3, 26, 23 [fol. 82r-v] und c. 5, 6 [fol. 83r]). Wie alle Kapitel der Statuta sind sie als Textabsätze mit vergrößerter Capitalis-Initiale gestaltet.
Fol. 103r-104r (BK 119, 46): Aufgrund des Verlusts einer Lage nach fol. 102 springt der erhaltene Text mit fol. 103r in die Anhänge der Collectio canonum Laudunensis, hier in den Schluss von BK 119 (c. 7-12; = Capitula Corbeiensia). Ohne Zwischenüberschrift folgen auf dessen c. 12 sieben Kapitel von BK 46 (c. 11-17). Alle Kapitel sind wie zuvor als einfache Textabsätze mit vergrößerter Capitalis-Initiale gestaltet; Rubriken oder Kapitelzählungen gibt es keine.
Sonstiges
Auf dem oberen Rand von fol. 103v die verblasste Notiz [..]odeuinus bonus sacerdos, möglicherweise von der gleichen (Schüler-)Hand, die ab Z. 6 erst Bat sowie auf Z. 7 den Anfang des Johannesevangeliums schrieb (IN principio erat ue). Ob ein Zusammenhang mit dem auf Z. 4-5 noch von der alten Hand eingetragenen Bibelvers (Jesaja 5, 8: Uę qui coniungitis ... ad terminum loci besteht, ist unklar.
