Capitularia - Edition der fränkischen Herrschererlasse

Sensationsfund in Göttingen? Ein Rückblick auf den Akademientag 2026

10.09.2026

Bild einer erfundenen Schlagzeile zu den neuentdeckten Kapitularien; generiert mit der Hilfe von chatGPT

Ganz so spektakulär ist es dann doch nicht: Bei den „Neufunden“ handelt es sich um selbst hergestellte Kapitularien, die Besucher:innen am Stand des Capitularia-Projekts im Forschungsparcours des Akademientags anfertigen konnten. Die Ergebnisse können sich allerdings durchaus sehen lassen, wie man unten erkennt. Aber der Reihe nach…

Von Moin bis Meme

Am 8. September 2026 luden die deutschen Wissenschaftsakademien unter dem Motto „Von Moin bis Meme. Sprache macht Gesellschaft“ zum diesjährigen Akademientag nach Göttingen ein. Zwischen 10:00 und 16:00 Uhr verwandelte sich der Adam-von-Trott-Saal der alten Mensa in einen Forschungsparcours, in dem rund 20 Akademie- und Infrastrukturprojekte an Ständen, Mitmachstationen und im persönlichen Gespräch Einblicke in ihre Arbeit gaben. Das Themenspektrum reichte von historischen Schriftzeugnissen über Dialekte und Gebärdensprachen bis hin zum Einsatz digitaler Methoden und Künstlicher Intelligenz in der Sprachforschung – Sprache in ihrer ganzen Bandbreite also, von regionalen Ausdrucksformen bis zu digitalen Kommunikationsweisen, und die Frage, wie sie Wirklichkeit, Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt prägt. Den feierlichen Rahmen setzte am Abend ein literarisch-musikalisches Programm mit Jan Wagner und Jehona Kicaj in der Aula und ein anschließender Empfang.

Auch das Capitularia-Projekt war im Forschungsparcours mit einem eigenen Stand vertreten: Dr. Britta Mischke und Daniela Schulz stellten unter dem Titel „Schurkenpäpste in Spelunken? Was mittelalterliche Abschreiber aus den Erlassen der fränkischen Herrscher machten“ vor, wie aus vermeintlich falsch abgeschriebenen Buchstaben (oder Absicht?) schon einmal aus „Papst Gelasius“ ein „Schurkenpapst“ werden konnte, und wie erst die moderne wissenschaftliche Edition solche, mal unbeabsichtigten, mal ganz bewussten Eingriffe in die Überlieferung überhaupt sichtbar macht.

Von Abschreibfehlern zu digitalen Editionen

Das Interesse an diesen Fragen war groß. Viele Besucher:innen wollten wissen, wie Kapitularien überliefert wurden, welche Rolle Abschreiber dabei spielten und wie die Bearbeiter:innen zwischen unterschiedlichen Handschriftenvarianten unterscheiden. Groß war auch das Interesse an der technischen Seite des Projekts: Wie entsteht aus mittelalterlichen Handschriften eine wissenschaftlich nutzbare Edition? Und wie funktioniert eine Hybridedition, die gedruckte und digitale Formen miteinander verbindet?

Kapitularien zum Selbermachen

Besonders beliebt war die Möglichkeit, selbst ein Kapitular anzufertigen. Anhand von Auszügen aus der vorliegenden handschriftlichen Überlieferung, die eigens zusammengestellt werden konnten, entstanden im Laufe des Tages zahlreiche individuelle Versionen mittelalterlicher Herrschererlasse. Die Ergebnisse wurden selbstverständlich dokumentiert – schließlich möchte man die neu entdeckten Göttinger Kapitularien nicht einfach wieder verschwinden lassen! Die Mitmachstation bot dabei nicht nur eine niedrigschwellige Annäherung an mittelalterliche Rechtskultur, sondern auch zahlreiche Gesprächsanlässe zur Rechtssprache und deren Formelhaftigkeit.

Gute Nachbarschaft: Formierung Europas und Text+

Besonders schön war auch die unmittelbare Nachbarschaft zu zwei befreundeten Projekten. Direkt neben Capitularia präsentierte das Projekt Die Formierung Europas seine Arbeit. Damit bot sich eine willkommene Gelegenheit, sich über gemeinsame Fragestellungen und Methoden auszutauschen. Auf der anderen Seite war mit Text+ eine Forschungsdateninfrastruktur vertreten, mit der das Capitularia-Projekt ebenfalls eng verbunden ist und an dem alle deutschen Akademien partizipieren. Hier konnten Besucher:innen einen Blick auf aktuelle Fragen rund um digitale Forschungsressourcen, Daten und Infrastrukturen werfen. Für uns bot die räumliche Nähe zugleich zahlreiche Gelegenheiten zum fachlichen Austausch nicht zuletzt darüber, wie sich geisteswissenschaftliche Forschungsdaten nachhaltig zugänglich und nachnutzbar machen lassen.

Reger Austausch – am Stand, unter den Projekten und weit über den Saal hinaus

Am Stand “blätterten” Besucher:innen jeden Alters am PC in Beispielen digitalisierter Handschriften und darin enthaltener “Fehler” oder Varianten, informierten sich über das Projekt und seine Workflows anhand der ausführlichen Poster, ließen sich die Tücken mittelalterlicher Abschreibpraxis erklären und diskutierten mit, warum eine Rechtstextedition weit mehr leisten muss als reine Textwiedergabe. Erfreulich groß war dabei die Neugier auch jenseits des unmittelbaren Fachpublikums, insbesondere die große Zahl interessierter Schüler:innen, die zum Teil mit erstaunlich konkreten Fragen zu den Inhalten und zur Überlieferung der Kapitularien auf uns zukamen. Viele Gespräche entspannen sich mit Menschen, die zuvor noch nie etwas von Kapitularien gehört hatten, am Ende aber ausgesprochen kundige Nachfragen zu handschriftlicher Überlieferung, Schreibfehlern und digitalen Editionen stellten. Gerade die Verbindung von klassischer Quellenarbeit mit digitalen Methoden und technischen Verfahren erwies sich dabei als interessantes Gesprächsthema.

                           Allgemeines Poster, das bei Akademientag präsentiert wurde Poster zur Problemen der Textüberlieferung, das bei Akademientag präsentiert wurde

Fazit

Der Akademientag 2026 hat einmal mehr gezeigt, wie viel Neugier und Gesprächsbedarf entsteht, wenn geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung ihre Ergebnisse aus dem Elfenbeinturm heraus- und mitten unter die Leute trägt. Für uns war es ein Tag voller anregender Begegnungen – mit einer interessierten Öffentlichkeit, mit befreundeten Projekten und, wenn man so will, mit ein paar ganz frisch „wiederentdeckten“ Kapitularien, die zwar keinen quellenkritischen, dafür aber jede Menge Spaß-Wert besitzen.

Wir bedanken uns herzlich bei den Organisator:innen der Akademienunion unter der Federführung der Mainzer und der Göttinger Akademien für die Ausrichtung und freuen uns schon jetzt auf die zukünftigen Ausgaben des Akademientags!

Einige visuelle Impressionen vom Akademientag

Empfohlene Zitierweise
Daniela Schulz, Sensationsfund in Göttingen? Ein Rückblick auf den Akademientag 2026, in: Capitularia. Edition der fränkischen Herrschererlasse, bearb. von Karl Ubl und Mitarb., Köln 2014 ff. URL: https://capitularia.uni-koeln.de/blog/rueckblick-akademientag-2026/ (abgerufen am 10.09.2026)

 

Header image created with the help of chatGPT.