{"id":9401,"date":"2016-08-02T17:56:19","date_gmt":"2016-08-02T15:56:19","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=9401"},"modified":"2021-09-30T11:57:56","modified_gmt":"2021-09-30T09:57:56","slug":"handschrift-des-monats-august-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2016\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month August 2016: Cava de&#8217; Tirreni, BdB, 4"},"content":{"rendered":"<div align=\"justify\">\n<p>Nur wenige Rechtshandschriften mit Kapitularien sind mit begleitenden Illustrationen ausgestattet. Eine dieser Ausnahmen bildet der um 1005 in S\u00fcditalien entstandene Codex <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/cava-dei-tirreni-bdb-4\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener\">Cava de&#8217; Tirreni, Biblioteca della Badia, 4<\/a>. Die in einer sch\u00f6nen und gleichm\u00e4\u00dfigen Beneventana gehaltene Handschrift bietet vor allem langobardisches und beneventanisches Recht, gefolgt von einer am Ende verst\u00fcmmelten Sammlung fr\u00e4nkischer Kapitularien, die wohl zuerst im fr\u00fchen 9. Jahrhundert erstellt wurde.<\/p>\n<p>Beide Teile sind grob nach Gesetzgebern strukturiert, wobei der Beginn eines neuen Abschnitts im Falle der Kapitularien offenbar stets mit einer Miniatur des jeweiligen Herrschers eingeleitet wurde. Leider ist das Blatt mit Karl dem Gro\u00dfen (nach fol. 197) verloren, mutma\u00dflich das Opfer eines Sammlers, der zuvor bereits die Miniaturen der K\u00f6nige Liutprand (nach fol. 78) und Aistulf (nach fol. 158) ausgeschnitten hatte.<\/p>\n<p>Erhalten sind dagegen je eine Miniatur Ludwigs des Frommen (fol. 220v) und Pippins von Italien (fol. 232r), sowie gleich zwei Lothars I. (fol. 238r und 241r). Die Kapitulariensammlung selbst entstand wie bereits angedeutet m\u00f6glicherweise bald nach 832 in Pavia, d.h. in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Aufstand der S\u00f6hne Ludwigs des Frommen gegen ihren Vater. Darauf weist jedenfalls das j\u00fcngste St\u00fcck der Sammlung hin, das 832 erlassene <a title=\"dMGH\" href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_Capit._2_S._59\" target=\"blank_\" rel=\"noopener\">BK 201<\/a> Lothars I., das allerdings nur in der unverst\u00fcmmelten Kopie dieser Sammlung in der Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/vatikan-bav-chigi-f-iv-75\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener\">Vatikan, BAV, Chigi F.IV.75<\/a> enthalten ist. Da letztere keinerlei Miniaturen enth\u00e4lt, handelt es sich bei diesen offenbar um eine Zutat des 11. Jahrhunderts, was auch erkl\u00e4ren mag, dass sowohl Ludwig der Fromme wie Lothar jeweils nur als <em>rex<\/em> tituliert sind, im Einklang mit den \u00fcbrigen Abbildungen italienischer Herrscher im Codex:<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2016.08 Cava fol. 220v_238r LdF_Lt.png\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"371\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb. Cava, BdB, 4, fol. 220v und 238r: Ludwig der Fromme und Lothar I. als Gesetzgeber (\u00a9 Biblioteca Statale del Monumento Nazionale Badia di Cava).<\/span><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Wert, der auf die farbenpr\u00e4chtige Ausgestaltung der Handschrift mit Miniaturen gelegt wurde, setzt sich auch im Schriftbild fort. Der Kopist schrieb eine h\u00f6chst gleichm\u00e4\u00dfige, geradezu vorbildliche Beneventana mit nur sehr wenigen Korrekturen. Letzteres allerdings verdankt sich nicht der Sorgfalt des Schreibers, sondern im Gegenteil seiner absoluten Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Text. Die in der gemeinsamen Vorlage der beiden Handschriften von Cava und Chigi noch vorhandenen Rubriken und Kapitelnummerierungen sind im Cavensis nahezu komplett ausgelassen.<\/p>\n<p>So kann es passieren, dass der Sinn einzelner Kapitel schlicht nicht mehr auszumachen ist, sofern der entscheidende Sachverhalt allein in der Rubrik genannt war, w\u00e4hrend im Text selbst nur noch mittels Pronomen darauf R\u00fcckbezug genommen wurde. Beispielsweise ist f\u00fcr einen Nutzer des Cavensis auf fol. 231r nicht ersichtlich, dass sich hinter \u201ediesen\u201c (<em>illas<\/em>) in den &#8211; nicht ohne Fehler kopierten \u2013 Bestimmungen von <a title=\"dMGH\" href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_Capit._1_S._288\" target=\"blank_\" rel=\"noopener\">Kapitel 7 aus BK 140<\/a> neu angelegte Forste verbergen, wie eben nur die \u00fcbersprungene Rubrik (<em>De forestibus noviter institutis<\/em>) erl\u00e4utert:<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2016.08 Cava fol. 231r BK 140 Illas.png\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"282\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Cava, BdB, 4, fol. 231r (BK 140 c. 7): \u201eUt quicumque <strong>illas<\/strong> habent dimittat nisi fortes iudici ostendere possit quod per iussionem domni Karoli genitori nostri <strong>eam<\/strong> [richtig: eas] instituisset preter <strong>illas<\/strong> que nostra opus pertinunt unde nos decernere uolumus quicquid nobis placuerit\u201c (\u00a9 Biblioteca Statale del Monumento Nazionale Badia di Cava).<\/span><\/p>\n<p>Immerhin demonstriert dieser Fall anschaulich, dass zumindest manche Kapitularien von Beginn an mit Rubriken ausgestattet waren. Denn es ist kaum zu vermuten, dass ein sp\u00e4terer Sammler, der einem Kapitel eine zus\u00e4tzliche Rubrik zur leichteren \u00dcbersicht beigab, sich im Anschluss noch die M\u00fche gemacht haben sollte, jede weitere Benennung des Sachverhalts im Text des Kapitels zu tilgen und durch R\u00fcckbez\u00fcge auf die Rubrik zu ersetzen.<\/p>\n<p>Eine stete Abfolge von kleineren Fehlern, Auslassungen und Verlesungen kann selbst eine recht einfache Bestimmung zur H\u00f6he der Bu\u00dfe f\u00fcr denjenigen, der gegen den Willen der Eltern entweder deren Sohn tonsuriert oder deren Tochter verschleiert (<em>Si quis puerum invitis parentibus totonderit aut puellam velaverit legem suam in triplo conponat<\/em>) g\u00e4nzlich unverst\u00e4ndlich machen:<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2016.08 Cava fol. 229r BK 139 Totonderit.png\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"142\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Cava, BdB, 4, fol. 229r (BK 139 c. 21): \u201eSi quis puerum parent<strong>es<\/strong> totonderit <strong>ad<\/strong> puell<strong>a uenerint<\/strong> legem suam in triplo componat\u201c &#8211; \u201eDreifache Bu\u00dfe erlege, wer Sohn (und) Eltern tonsuriert zur Tochter kommen sie\u201c? (\u00a9 Biblioteca Statale del Monumento Nazionale Badia di Cava).<\/span><\/p>\n<p>Gelegentlich entstehen so Kapitel mit geradezu dadaistischem Charme, etwa wenn Ludwig der Fromme zu Beginn des <a title=\"dMGH\" href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_Capit._1_S._284\" target=\"blank_\" rel=\"noopener\">13. Kapitels von BK 139<\/a> vermeintlich von einem Grafen spricht, \u201ein dessen Mysterium der K\u00f6nig begangen wurde\u201c:<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2016.08 Cava fol. 227v BK 139 Misterium.png\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"198\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Cava, BdB, 4, fol. 227v (BK 139 c. 13): \u201eSi quis aliquam necessitatem cogentem homicidium commiserit comes in cuius misterium rex perpetrata est compositione soluere et fayda per sacramentum pacificare faciant\u201c (\u00a9 Biblioteca Statale del Monumento Nazionale Badia di Cava).<\/span><\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen Amt\/Amtsbezirk (<em>ministerium<\/em>) und <em>misterium<\/em>, zwischen Sache\/Tat (<em>res<\/em>) und K\u00f6nig (<em>rex<\/em>) verschwammen hier unter der Feder. So gleichm\u00e4\u00dfig der Schreiber seine Buchstaben formte, so sorglos war er gegen\u00fcber dem Inhalt dessen, was er zu Pergament brachte. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich angesichts der auffallenden Diskrepanz zwischen \u00e4u\u00dferer Gestalt und innerem Gehalt bei dem Cavensis tats\u00e4chlich einmal um einen Codex handelt, dessen Hauptzweck in prunkvoller Repr\u00e4sentation bestand, der aber keinerlei praktischem Zweck im Rechtswesen mehr diente.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>S. Kaschke<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/cava-dei-tirreni-bdb-4\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1864\">Boretius 1864<\/a>, S. 50-54<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 98-111, 756-768<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995a\">Mordek 1995a<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Wormald_1979\">Wormald 1979<\/a><\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month August 2016: Cava de&#8217; Tirreni, BdB, 4<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2016\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur wenige Rechtshandschriften mit Kapitularien sind mit begleitenden Illustrationen ausgestattet. Eine dieser Ausnahmen bildet der um 1005 in S\u00fcditalien entstandene Codex Cava de&#8217; Tirreni, Biblioteca della Badia, 4. 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