{"id":8673,"date":"2016-05-24T13:33:53","date_gmt":"2016-05-24T11:33:53","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=8673"},"modified":"2017-03-27T16:30:33","modified_gmt":"2017-03-27T14:30:33","slug":"handschrift-des-monats-paris-bn-lat-4419","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-paris-bn-lat-4419\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month June 2016: Paris, BN, Lat. 4419"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center\">Ein Neufund in einer Handschrift mit r\u00f6mischem Recht<\/h4>\n<div align=\"justify\">\n<p>Hubert Mordeks &#8220;Bibliotheca capitularium&#8221; (Mordek 1995) ist nicht nur f\u00fcr dieses Projekt, sondern generell f\u00fcr die Erforschung mittelalterlicher (Rechts-)Handschriften eine unverzichtbare Grundlage. Aber selbst in dem \u00fcber 1150 Seiten starken Werk sind nicht alle Handschriften mit Kapitularien verzeichnet, so der Pariser Latinus 4419, den man im Handschriftenregister vergeblich sucht. Was hat es also mit diesem Codex auf sich?<\/p>\n<p>Im Zuge der Arbeiten f\u00fcr das <a title=\"Bibliotheca legum\" href=\"http:\/\/www.leges.uni-koeln.de\/\" target=\"blank_\">Bibliotheca legum<\/a>-Projekt, das alle Handschriften des weltlichen Rechts des fr\u00fchen Mittelalters in einer Datenbank zusammenstellt, wurde auch Gustav H\u00e4nels Edition der <em>Lex Romana Visigothorum<\/em>, des wichtigsten Corpus r\u00f6mischrechtlicher Texte im Frankenreich, durchgesehen. Ein Vorteil seiner Edition ist, dass er neben der <em>Lex<\/em> auch deren Kurzfassungen bzw. k\u00fcrzende Bearbeitungen edierte, so auch die in nur drei Handschriften auf uns gekommene sog. <em>Epitome monachi<\/em>, die wohl in der ersten H\u00e4lfte des 8. Jahrhunderts entstanden ist (Liebs 2002). Zu diesen Handschriften z\u00e4hlt auch der Latinus 4419.<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"justify\">\n<p>In H\u00e4nels Beschreibung des wohl im 10. Jahrhundert in Frankreich entstandenen, 78 Bl\u00e4tter umfassenden Manuskripts weist er auf ein Kapitel hin, das sich auf fol. 1v befinden soll. Eine Identifizierung des Texts hat er allerdings nicht vorgenommen. Trotz dieses &#8211; wenn auch nicht sehr eindeutigen &#8211; Hinweises hat es die Handschrift nicht in Mordeks monumentale &#8220;Bibliotheca capitularium&#8221; geschafft. Es lohnt sich daher ein etwas genauerer Blick auf das Folium mit dem nicht n\u00e4her beschriebenen Kapitel:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/paris-lat-4419_1.png\" alt=\"\" width=\"537\" height=\"489\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Paris, BN, Lat. 4419, <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b6001331k\/f14.image.r=4419\" target=\"blank_\">fol. 1v<\/a> (\u00a9Gallica)<\/span><\/p>\n<p>Es handelt sich bei diesem St\u00fcck um c. 10 von <a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-139\/\" target=\"_blank\">BK 139<\/a>, also der <em>Capitula legibus addenda<\/em> Ludwigs des Frommen von 818\/819, das hier auf einem beigebundenen Pergamentblatt dem r\u00f6mischen Recht der <em>Epitome monachi<\/em> vorausgeht. Es ist mit der \u00dcberschrift <em>DE FALSIS TESTIBVS CONUINCENDIS<\/em> versehen. Interessant ist die dar\u00fcber befindliche, leider durch den Beschnitt der Pergamentbl\u00e4tter etwas beeintr\u00e4chtigte \u00dcberschrift, die auch schon H\u00e4nel wiedergibt. Dort steht: <em>KAROLI cap(itulum) <\/em>[H\u00e4nel:<em> caput<\/em>]<em> decimu(m) . Legis salicae LX<\/em>. Das Kapitel wird also nicht Ludwig dem Frommen, sondern dessen Vater, Karl dem Gro\u00dfen, zugeschrieben, und nicht den <em>leges<\/em> allgemein, sondern nur der <em>Lex Salica<\/em> zugeordnet, so wie es auch andere Handschriften tun (Boretius 1883, <a title=\"Zur dMGH\" href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_Capit._1_S._280\" target=\"blank_\">S. 280<\/a>). Nach der Niederschrift des Kapitels blieb der Rest der Seite frei. H\u00e4nels Unsicherheit, ob denn auch wirklich die Zahl <em>LX<\/em> zu lesen sei, wie er in einer Fu\u00dfnote erw\u00e4hnt (H\u00e4nel 1849, S. <a title=\"MDZ\" href=\"http:\/\/reader.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb10520137_00090.html\" target=\"blank_\">LXXXII<\/a>, Anm. 345: &#8220;Scriptum esse puto in codice LX; in schedis meis pallore numerus fere evanuit.&#8221;), kann durch das gute Farbdigitalisat der Biblioth\u00e8que Nationale ausger\u00e4umt werden, bei dem kein <em>pallor<\/em> das Entziffern erschwert.<\/p>\n<p>Wie wichtig solche Neufunde sind \u2013 auch wenn der Umfang des \u00fcberlieferten Materials gering ist \u2013, zeigt der Umstand, dass diese spezielle Fassung des Kapitels in einer weiteren Handschrift, die Mordek in seiner &#8220;Bibliotheca capitularium&#8221; verzeichnet, zu finden ist: <a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-18237\/\">Paris, BN, Lat. 18237<\/a>. Beide Handschriften haben Boretius\/Krause \u00fcbrigens nicht f\u00fcr ihre Edition herangezogen bzw. nicht gekannt. Im Latinus 18237 hat eine Hand des 16. Jahrhunderts auf hinzugebundenen Papierbl\u00e4ttern (hier: fol. 96 bis) ebenfalls nur c. 10 der <em>Capitula legibus addenda<\/em> kopiert:<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/paris-lat-4419_2.png\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"634\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Paris, BN, Lat. 18237, <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b9067222d\/f108.image.r=18237\" target=\"blank_\">fol. 96 bis r<\/a> (\u00a9Gallica)<\/span><\/p>\n<p>Schon die \u00dcberschrift, die das <em>capitulum<\/em> Karl dem Gro\u00dfen zuordnet und in Verbindung mit der <em>Lex Salica <\/em>bringt (allerdings ohne die Nennung einer Zahl), deutet auf eine nahe Verwandtschaft zur Kopie in Paris Lat. 4419 hin, auch wenn hier statt des zehnten Kapitels von <em>cap(itulum) vltimu(m)<\/em> die Rede ist. Wenn man bedenkt, dass der obere Teil der \u00dcberschrift dem Beschnitt der Seiten im Latinus 4419 zum Opfer gefallen ist, kann man sich gut vorstellen, dass <em>vltimum<\/em> aus <em>decimum<\/em> verlesen worden ist. Beide Handschriften teilen zudem einige Lesarten, sodass der Nachtrag aus dem 16. Jahrhundert durchaus auf unseren Neufund zur\u00fcckgehen kann.<\/p>\n<p>Anhand der Latini 4419 und 18237 l\u00e4sst sich gut zeigen, dass man selbst auf Basis einer relativ schmalen Textgrundlage Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse von Handschriften herausarbeiten kann. Dieses Beispiel macht zudem deutlich, welche Relevanz z.B. beigebundene Bl\u00e4tter eines Codex haben k\u00f6nnen \u2013 Teile also, die nicht zur urspr\u00fcnglichen Anlage einer Handschrift geh\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>D. Trump<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4419\/\" target=\"_blank\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><u>Referenzen:<\/u><br \/>\n<a title=\"Bibliotheca legum\" href=\"http:\/\/www.leges.uni-koeln.de\/mss\/handschrift\/paris-bn-lat-4419\/\" target=\"blank_\">Beschreibung<\/a> der Handschrift Paris, BN, Lat. 4419 und <a title=\"Bibliotheca legum\" href=\"http:\/\/www.leges.uni-koeln.de\/blog\/neufund-teil-ii\/\" target=\"_blank\">Blogpost<\/a> zum Fund auf den Seiten der Bibliotheca legum<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1883\">Boretius 1883<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#H\u00e4nel_1849\">H\u00e4nel 1849<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Liebs_2002\">Liebs 2002<\/a>, S. 249-254 (zur <em>Epitome monachi<\/em>)<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 612-616 (zu Paris Lat. 18237)<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Dominik Trump<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month June 2016: Paris, BN, Lat. 4419<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-paris-bn-lat-4419\/ (accessed on 04\/19\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Neufund in einer Handschrift mit r\u00f6mischem Recht Hubert Mordeks &#8220;Bibliotheca capitularium&#8221; (Mordek 1995) ist nicht nur f\u00fcr dieses Projekt, sondern generell f\u00fcr die Erforschung mittelalterlicher (Rechts-)Handschriften eine unverzichtbare Grundlage. 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