{"id":8193,"date":"2016-05-02T16:26:33","date_gmt":"2016-05-02T14:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=8193"},"modified":"2017-03-27T16:31:41","modified_gmt":"2017-03-27T14:31:41","slug":"handschrift-des-monats-muenchen-lat-4460","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-muenchen-lat-4460\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month May 2016: Munich, BSB, Lat. 4460"},"content":{"rendered":"<div align=\"justify\">\n<p>Gelegentlich erlauben es die erhaltenen Kapitularien-Handschriften, ihrem Schreiber bei der Konstituierung seines Textes \u00fcber die Schulter zu blicken. Einen besonders anschaulichen Fall f\u00fcr umfangreiche Eingriffe in einen Text sogar noch w\u00e4hrend des Schreibprozesses selbst bietet die Handschrift M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460.<\/p>\n<p>Diese mehrteilige Sammelhandschrift aus S\u00fcddeutschland enth\u00e4lt in ihrem ersten, noch aus dem 11. Jahrhundert stammenden Teil mit fr\u00fchmittelalterlichen Rechtsquellen eine Kombination von Texten, die sich auch in zwei weiteren s\u00fcddeutschen Handschriften des sp\u00e4ten 10. Jahrhunderts findet (M\u00fcnchen, BSB, Lat. 3853 und Heiligenkreuz, SB, 217). Konkret handelt es sich dabei um den Prolog der Lex Baiuvariorum in der Fassung der H-Klasse, gefolgt von Titelverzeichnis und Text der Lex Alamannorum (Fassung der B-Klasse), gefolgt von den zu einem einzigen Abschnitt verschmolzenen sieben Zusatzkapiteln Karls des Gro\u00dfen zur Lex Baiuvariorum (BK 68), gefolgt von den ersten beiden Kapiteln der <em>Capitula legi addita<\/em> (<a title=\"BK 134\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-134\/\" target=\"_blank\">BK 134<\/a>) Ludwigs des Frommen.<\/p>\n<p>Der letzte Text in dieser Reihe, BK 134, weist nun im Latinus 4460 zwei Besonderheiten gegen\u00fcber den anderen Handschriften auf:<\/p>\n<p>Zum einen ist das Kapitular hier vollst\u00e4ndig mit allen f\u00fcnf Kapiteln enthalten, w\u00e4hrend die beiden verwandten Handschriften wie erw\u00e4hnt nur die ersten zwei Kapitel enthalten. Dies k\u00f6nnte darauf hinweisen, dass in einer gemeinsamen Vorlage der drei Handschriften nach Anfertigung des Latinus 4460 die drei Schlusskapitel, evtl. durch Lagenverlust, abhanden kamen. Dann m\u00fcsste allerdings die relative Datierung der drei Handschriften revidiert werden, denn bislang gilt der Latinus 4460 als die j\u00fcngste der drei, w\u00e4hrend der Latinus 3853 gemeinhin in die 2. H\u00e4lfte des 10. Jahrhunderts, und Heiligenkreuz 217 auf das Ende des 10. Jahrhunderts datiert wird.<\/p>\n<p>Zum anderen finden sich (nur) im Latinus 4460 bei Kapitel 1, 4 und 5 von BK 134 Zus\u00e4tze, die aus den wenig j\u00fcngeren <em>Capitula legibus addenda<\/em> (<a title=\"BK 139\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-139\/\" target=\"_blank\">BK 139<\/a>) Ludwigs des Frommen stammen. Diese Zus\u00e4tze, den Kapiteln 10, 12 und 11 von BK 139 entnommen, sind nun auf jeweils unterschiedliche Art mit dem Text von BK 134 verbunden worden.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel von BK 134 hatte Ludwig der Fromme 816 f\u00fcr den Fall, dass sich die Zeugen in einem Streitfall unter Beteiligung von mindestens einer kirchlichen Partei widersprachen, eine Kl\u00e4rung der Angelegenheit mittels Kreuzprobe vorgesehen. Sp\u00e4ter jedoch hatte er die Kreuzprobe generell verboten, und entsprechend eine abweichende Regelung im 10. Kapitel von BK 139 festgelegt. Der Schreiber des Latinus 4460 hat diesen Unterschied zwischen den ansonsten \u00fcber weite Strecken wortgleichen Kapiteln erst bemerkt, als er den Text aus BK 134 bereits kopiert hatte. Wohl verunsichert dar\u00fcber, welcher Fassung der Vorzug zu geben sei, erg\u00e4nzte er nur die abweichende Passage aus BK 139 (ohne Kreuzprobe) auf dem linken Rand. Ob er dabei ein Minuskel-a, gefolgt von (gek\u00fcrztem) <em>vel<\/em>, als Verweiszeichen einsetzte, damit den Text zugleich als alternative Fassung kennzeichnend, ist aufgrund des Beschnitts des linken Rands heute nicht mehr festzustellen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/Muenchen-lat-4460-23v-a.png\" alt=\"\" width=\"653\" height=\"461\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460, fol. <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00090297\/image_50\" target=\"_blank\">23v<\/a>: alternative Fassung auf dem linken Rand (\u00a9Bayerische Staatsbibliothek)<\/span><\/p>\n<p>Den in BK 139 am Schluss zus\u00e4tzlich gebotenen Satz zur Heranziehung von Zeugen aus einer benachbarten, aber zu einer anderen Grafschaft geh\u00f6renden <em>centena<\/em> hingegen behandelte der Schreiber wie eine regul\u00e4re Texterg\u00e4nzung: am Ende des Kapitels setzte er ein Verweiszeichen aus drei Punkten, das er mutma\u00dflich vor dem auf dem unteren Rand nachgetragenen Satz wiederholte (wo es aber erneut aufgrund des Beschnitts nicht mehr nachweisbar ist).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/Muenchen-lat-4460-23v-b.png\" alt=\"\" width=\"659\" height=\"346\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460, fol. <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00090297\/image_50\" target=\"_blank\">23v<\/a>: Nachtrag mit Verweiszeichen (\u00a9Bayerische Staatsbibliothek)<\/span><\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Fall einer inhaltlichen Abweichung zweier in ihrem Wortbestand \u00e4hnlicher Kapitel (BK 134 c. 4 und BK 139 c. 12) war sich der Schreiber dann bereits sicher, dass die Fassung von BK 139 die \u00e4ltere Fassung von BK 134 ersetzen sollte. Entsprechend begn\u00fcgte er sich nicht damit, die Unterschiede als Alternativfassung anzubieten, sondern er korrigierte das von ihm schon fertig abgeschriebene Kapitel 4 mittels Tilgungen und Nachtr\u00e4gen so, dass es selbst bei inhaltlich belanglosen Abweichungen in den Formulierungen nun genau dem Wortlaut von BK 139 entsprach.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/Muenchen-lat-4460-24r.png\" alt=\"\" width=\"665\" height=\"228\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460, fol. <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00090297\/image_51\" target=\"_blank\">24r<\/a>: Tilgungen und Nachtr\u00e4ge (\u00a9Bayerische Staatsbibliothek)<\/span><\/p>\n<p>Alle diese Anpassungen f\u00fchrte der Schreiber aus, bevor er das f\u00fcnfte und letzte Kapitel von BK 134 eintrug. Auch dieses Kapitel entspricht bei kleinsten Abweichungen w\u00f6rtlich einem sp\u00e4teren Kapitel, n\u00e4mlich c. 11 aus BK 139. Allerdings ist die Fassung von BK 139 am Ende um eine weitere Bestimmung zu an den Fiskus gelangtem Eigengut erweitert. Wie sich anhand der erw\u00e4hnten Abweichungen (ein in BK 139 erg\u00e4nztes <em>illam<\/em>, drei \u00c4nderungen von <em>fisco regis<\/em> in BK 134 zu <em>fisco nostro<\/em> in BK 139, eine Umstellung von <em>possedeat<\/em> zu <em>possideat<\/em>) zeigen l\u00e4sst, kopierte der Schreiber in diesem Fall gleich den vollst\u00e4ndigen Text von BK 139 und verwarf damit den Wortlaut seiner urspr\u00fcnglichen Vorlage (BK 134).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/Muenchen-lat-4460-24v.png\" alt=\"\" width=\"661\" height=\"332\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460, fol. <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00090297\/image_52\" target=\"_blank\">24v<\/a>: Text mit zus\u00e4tzlicher Bestimmung (\u00a9Bayerische Staatsbibliothek)<\/span><\/p>\n<p>Damit handelt es sich bei der vermeintlichen Kopie des Kapitulars BK 134 im Latinus 4460 um einen komplizierten Hybridtext, der tats\u00e4chlich als Textzeuge f\u00fcr gleich zwei Kapitularien gelten kann. Bemerkenswert ist dabei auch, wie wichtig dem Kopisten die Pr\u00e4sentation eines Textes war, der inhaltlich korrekt war und die letztg\u00fcltige Fassung enthielt. Nur im Fall der Kreuzprobe hatte er sich wohl au\u00dfer Stande gesehen, zu entscheiden, welche der beiden Fassungen hier zu bevorzugen sei.<\/p>\n<p>Der Kopist kann daher nicht nur als sehr aufmerksamer, sondern als <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_1991\">im Schmitz\u2019schen Sinne \u201eintelligenter\u201c Schreiber<\/a> gelten. Seine Besorgnis um Rechts-Sicherheit hat dazu gef\u00fchrt, dass wir heute einen sch\u00f6nen Beleg daf\u00fcr haben, dass Sammelhandschriften bei aller Vorplanung noch bis zum letzten Federstrich kurzfristigen \u00c4nderungen offenstanden, jedenfalls dort, wo ein Kopist nicht blo\u00df rein mechanisch einen Auftrag abarbeitete, sondern neben der Schreibarbeit auch f\u00fcr die Konzeption des zu kopierenden Textkorpus zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>S. Kaschke<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenchen-bsb-lat-4460\/\" target=\"_blank\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><u>Literatur:<\/u><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Halm_1894\">Halm 1894<\/a>, S. 199<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 158-172, 287-305 und 308-312<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_1991\">Schmitz 1991<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_1996\">Schmitz 1996<\/a>, S. 104-106<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month May 2016: Munich, BSB, Lat. 4460<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-muenchen-lat-4460\/ (accessed on 04\/16\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelegentlich erlauben es die erhaltenen Kapitularien-Handschriften, ihrem Schreiber bei der Konstituierung seines Textes \u00fcber die Schulter zu blicken. Einen besonders anschaulichen Fall f\u00fcr umfangreiche Eingriffe in einen Text sogar noch w\u00e4hrend des Schreibprozesses selbst bietet die Handschrift M\u00fcnchen, BSB, Lat. 4460. Diese mehrteilige Sammelhandschrift aus S\u00fcddeutschland enth\u00e4lt in ihrem ersten, noch aus dem 11. 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