{"id":7496,"date":"2016-03-22T17:23:28","date_gmt":"2016-03-22T16:23:28","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=7496"},"modified":"2022-03-22T12:58:35","modified_gmt":"2022-03-22T11:58:35","slug":"handschrift-des-monats-paris-lat-2718","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-paris-lat-2718\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month April 2016: Paris, BN, Lat. 2718"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center;\">Das <span style=\"font-style: italic;\">Prooemium generale<\/span> Ludwigs des Frommen (BK 137) im Kurzschrift-Gewand<\/h4>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Ein Werkstattbericht<\/h5>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der um 830 in Tours entstandene Latinus 2718 der Pariser Nationalbibliothek ist kein Unbekannter in der historischen Forschung. Durch seine Zuordnung zum sog. Leges-Skriptorium und durch die nur hier \u00fcberlieferten Kapitularien und Formeln stand er h\u00e4ufig im Fokus des Interesses. Zuletzt hat meine Kollegin Sarah Patt der Handschrift und den sog. <em>Formulae imperiales<\/em>, die dort verstreut zu finden sind, ein ganzes Buch gewidmet. Daher soll der Codex an sich hier auch nicht im Zentrum stehen. F\u00fcr einf\u00fchrende Informationen sei auf den <a title=\"Manuscript Cultures Universit\u00e4t Hamburg\" href=\"http:\/\/www.manuscript-cultures.uni-hamburg.de\/mom\/2015_04_mom.html\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Online-Beitrag<\/a> der Kollegin verwiesen.<\/p>\n<p>Eine weitere der zahlreichen Besonderheiten dieser Handschrift ist die Tatsache, dass sehr viele Texte gr\u00f6\u00dftenteils in tironischen Noten geschrieben sind. Martin Hellmann, einer der besten Kenner dieses Kurzschrift-Systems, h\u00e4lt allgemein fest: \u201eDie Schriftdenkm\u00e4ler der tironischen Noten sind fast ausschlie\u00dflich in Handschriften und Urkunden aus dem fr\u00fchen Mittelalter zu finden\u201c (Hellmann 2000, S. 6). Die nach dem Privatsekret\u00e4r Ciceros benannte Kurzschrift wurde gerade in der Karolingerzeit rege benutzt, was ihre Verwendung vor allem in Rechts- und theologischen Texten sowie Kommentaren unterstreicht. Der Latinus 2718 geh\u00f6rt aber zu jenen Handschriften, die \u2013 laut Hellmann \u2013 eher zu den Kuriosa zu z\u00e4hlen sind, da die Noten sonst nicht als \u201eeigenst\u00e4ndige und der Langschrift gleichberechtigte Schriftart verwendet wurden\u201c (S. 14), sondern zumeist nur f\u00fcr kurze Anmerkungen genutzt wurden.<\/p>\n<p>Da sich unsere digitale Edition f\u00fcr den jeweils spezifischen Text eines Herrschererlasses in den einzelnen Handschriften interessiert, ist es unumg\u00e4nglich, sich mit tironischen Noten auseinanderzusetzen. Mir fiel nun die Aufgabe zu, das <em>Prooemium generale<\/em> Ludwigs des Frommen (BK 137) aus dem Jahr 818, das fast komplett in tironischen Noten geschrieben ist, zu transkribieren. Dieses selten \u00fcberlieferte Kapitular ist nur im Parisinus und im Codex Kopenhagen, Kongelige Bibliotek, Gl. Kgl. Saml. 1943. 4\u00b0 zu finden. Das Kurzschrift-System war mir zwar dem Namen nach schon vorher bekannt, aber ich hatte mich nie n\u00e4her damit befasst. Da ich mich in meinem Dissertationsprojekt mit Handschriften r\u00f6mischen Rechts besch\u00e4ftige und dort zuweilen ebenfalls tironische Noten zu finden sind, war meinerseits aber schon gro\u00dfes Interesse und ausreichend Neugier vorhanden.<\/p>\n<p>Wie aber vorgehen? Ich fand schnell heraus, dass das <em>Prooemium<\/em> schon \u00f6fter ediert worden war. Boretius\/Krause nennen die Ausgaben von Pierre Carpentier und Wilhelm Schmitz und geben ihren eigenen Editionstext nach dem von Schmitz wieder. Allgemeine Informationen \u00fcber die Noten habe ich Martin Hellmanns Dissertation entnommen, was dabei half, ein erstes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr dieses Kurzschrift-System zu entwickeln. Nun aber zuerst ein kurzer Blick auf die Handschrift selbst. Beim <em>Prooemium<\/em> f\u00e4llt sofort auf, dass die Noten die Hauptschrift sind, die Minuskel nur eine untergeordnete Rolle spielt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_1.png\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"191\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb.: Paris, BNF, Lat. 2718: Das <em>Prooemium generale<\/em> auf fol. <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b105000058\/f165.item\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">78r<\/a> (\u00a9 gallica.bnf.fr).<\/span><\/p>\n<p>Durch den Text von Schmitz\u2019 Edition, der in seinem Apparat auch immer wieder auf Carpentier und auf die Handschrift selbst verweist, hatte ich eine gute Grundlage f\u00fcr meine eigenen Entzifferungsversuche. Drei Hilfsmittel haben sich dabei f\u00fcr den Laien als sehr n\u00fctzlich erwiesen: zum einen das Lexikon von Ulrich Friedrich Kopp, das als zweiter Teil seiner <em>Palaeographia critica<\/em> erschienen ist und auf das Schmitz in seiner Edition ebenfalls hinweist; zum anderen Martin Hellmanns \u201e<a href=\"http:\/\/www.martinellus.de\/snt2\/n\/incipit.htm\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Hypertext-Lexikon der tironischen Noten<\/a>\u201c und eng damit verbunden die <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/datenbanken\/tiro\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">R\u00fcckw\u00e4rtssuche f\u00fcr tironische Noten<\/a> im Online-Angebot der MGH, die direkt mit Hellmanns Lexikon verkn\u00fcpft ist. Da der Text von Schmitz, der sich als gr\u00f6\u00dftenteils sehr zuverl\u00e4ssig herausstellte, vorlag, leistete gerade die R\u00fcckw\u00e4rtssuche der MGH sehr gute Dienste, da man so wusste, was an den entsprechenden Stellen stehen soll, und man ausgehend von einer sicheren Lesung der Noten allm\u00e4hlich ein Gef\u00fchl daf\u00fcr entwickeln konnte, nach welchen Prinzipien sie gebaut waren. Mit fortschreitender Arbeit wurde das Entziffern dann auch fl\u00fcssiger, und ich wusste, wie ich suchen musste, um die Noten und damit zusammenh\u00e4ngend die Editionstexte nachvollziehen zu k\u00f6nnen. So war es mit der Zeit auch m\u00f6glich, die Eigenheiten des Schreibers kennenzulernen und besser zu verstehen, wie er die Noten zusammensetzte und auf welche spezifische Art und Weise er sie \u00fcberhaupt schrieb. Gerade Letzteres ist nicht unbedeutend, kommt es doch teilweise darauf an, in welchem Winkel, welcher Neigung oder welcher St\u00e4rke der Strich oder die Linie geschrieben wird, da dies f\u00fcr die Bedeutung einer Note relevant ist. Leider hielt sich der mittelalterliche Schreiber nicht immer an die &#8220;normalisierte&#8221; Schreibweise, die mir meine Hilfsmittel vorgaben\u2026 Nach einiger Zeit war mir aber der pers\u00f6nliche Stil vertraut, sodass seine Eigenheiten mich nicht mehr irritierten.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der genauen Schreibweise der Noten ist es daher hilfreich gewesen, dass Carpentier in seiner Edition seinem Text Tafeln vorschaltet, auf denen die Folio-Seiten des Latinus 2718 faksimileartig abgebildet sind. Die Noten waren dort n\u00e4mlich \u201enormalisierter\u201c, d.h. in akkuraterer Weise gezeichnet, als es de facto der Fall ist, wodurch mir aber klarer wurde, welche Note gemeint ist.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele m\u00f6gen die Arbeit mit den tironischen Noten illustrieren:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_2.png\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"auto\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb.: Paris, BNF, Lat. 2718: Beginn des <em>Prooemium generale<\/em> auf fol. <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b105000058\/f165.item\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">78r<\/a>, Z. 13 (\u00a9 gallica.bnf.fr)<\/span><\/p>\n<p>Wenn man die Noten aufl\u00f6st, kommt die Invocatio des <em>Prooemium<\/em> zum Vorschein:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_3.png\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"auto\" \/><\/p>\n<p>Kommt man mit der R\u00fcckw\u00e4rtssuche der MGH und Hellmanns Hypertext-Lexikon nicht weiter, dann lohnt sich ein Blick in Kopps Lexikon. Weiterhelfen konnte es z.B. in diesem Fall, den ich \u00fcber die Online-Angebote nicht recherchieren konnte:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_4.png\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"auto\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb.: Paris, BNF, Lat. 2718, fol. <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b105000058\/f165.item\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">78r<\/a>, Z. 19 (\u00a9 gallica.bnf.fr) und Kopp, Palaeographia critica 2, S. <a href=\"http:\/\/reader.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb10481763_00217.html\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">189<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>Diese Verbindung von zwei W\u00f6rtern ist an sich einfach, wenn man die Einzelbestandteile betrachtet: \u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"aus: Hypertext-Lexikon der tironischen Noten\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_6.png\" alt=\"\" width=\"82\" height=\"46\" \/>. <em>In<\/em> und <em>scriptura<\/em> \u2013 Stellt man sich die Noten zusammen vor, kann man darin gut eine Ligatur sehen, bei der der <em>in<\/em>-Strich den s-f\u00f6rmigen Teil der <em>scriptura<\/em>-Noten ersetzt \u2013 so zumindest meine Vermutung. Wirklich verifiziert werden konnte die Notenfolge dann durch Kopps Eintrag. Eine kleine Besonderheit ist, dass der Schreiber \u2013 eventuell zur Verdeutlichung \u2013 einen Strich durch die Note zieht, in welchem man die Endungsnote f\u00fcr<em> is<\/em> erkennen kann: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"aus: Hypertext-Lexikon der tironischen Noten\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/2718_7.png\" alt=\"\" width=\"40\" height=\"40\" \/>.<\/p>\n<p>Nachdem das <em>Prooemium<\/em> fertig transkribiert war, war ich erst einmal erleichtert. Ich hatte viel gelernt und war in eine neue, spannende Welt eingetaucht. Ich w\u00fcrde (noch?) nicht behaupten, dass ich tironische Noten lesen kann, aber mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Kurzschrift ist durch die praktische Arbeit wesentlich gr\u00f6\u00dfer geworden. Der n\u00e4chste Transkriptionsauftrag wartet allerdings schon: das <em>Capitulare ecclesiasticum<\/em> (BK 138) schlie\u00dft unmittelbar an das <em>Prooemium generale<\/em> (ab fol. 78v) an und ist ebenfalls zum Gro\u00dfteil in tironischen Noten geschrieben. Diesmal stolze 29 Kapitel lang\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>D. Trump<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-2718\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><u>Literatur:<\/u><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1883\">Boretius 1883<\/a>, S. 273-275<br \/>\nCarpentier, Pierre, Alphabetum Tironianum, seu notas Tironis explicandi methodus [\u2026], Paris 1747, S. 2-5.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Hellmann_M_2000\">Hellmann M 2000<\/a>, vor allem S. 6-22, 54-73<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Kopp_1817-1829\">Kopp 1817-1829<\/a>, Bd. 2<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 422-430<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Patt_S_2016\">Patt S 2016<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_W_1882-1883\">Schmitz W 1882-1883<\/a>, Bd. 1, S. 45-47<\/p>\n<\/div>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Dominik Trump<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month April 2016: Paris, BN, Lat. 2718<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-paris-lat-2718\/ (accessed on 05\/11\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Prooemium generale Ludwigs des Frommen (BK 137) im Kurzschrift-Gewand Ein Werkstattbericht Der um 830 in Tours entstandene Latinus 2718 der Pariser Nationalbibliothek ist kein Unbekannter in der historischen Forschung. Durch seine Zuordnung zum sog. Leges-Skriptorium und durch die nur hier \u00fcberlieferten Kapitularien und Formeln stand er h\u00e4ufig im Fokus des Interesses. 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