{"id":31705,"date":"2024-09-01T17:21:25","date_gmt":"2024-09-01T15:21:25","guid":{"rendered":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=31705"},"modified":"2025-11-18T16:44:13","modified_gmt":"2025-11-18T15:44:13","slug":"handschrift-des-monats-september-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-september-2024\/","title":{"rendered":"A chapter by Charlemagne in a Computus manuscript"},"content":{"rendered":"<p>Dass man zuweilen in Kontexten auf Kapitel aus Kapitularien st\u00f6\u00dft, in denen man sie nicht erwarten w\u00fcrde, davon zeugt die Handschrift Angers, Biblioth\u00e8que municipale, 477 (461). Und dass man in Kontexten auf einen Kapitularientext aufmerksam gemacht wird, in denen man es nicht erwarten w\u00fcrde, davon zeugt diese Handschrift ebenfalls. Auf einer dem fr\u00fch- und hochmittelalterlichen Kirchenrecht gewidmeten <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/EViR\/veranstaltungen\/tagungenundworkshops\/kirchenrecht.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tagung<\/a> in M\u00fcnster Ende Februar 2024 hat Prof. Roy Flechner in seinem Vortrag \u00fcber diese Handschrift gesprochen. Dabei hat er auch auf ein Kapitel aus einem Kapitular aufmerksam gemacht. Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p>Die Handschrift, die heute in Angers aufbewahrt wird, ist nicht unbedingt wegen ihrer juristischen Texte bekannt. Sie ist vor allem f\u00fcr die komputistische Forschung von Interesse, da sie viele Texte dieses gerade im fr\u00fchen Mittelalter bl\u00fchenden Genres versammelt. Auch wer nur einen fl\u00fcchtigen Blick hineinwirft, wird den komputistischen Schwerpunkt anhand der vielen Tabellen und Diagramme sofort erkennen. Der Andegavensis umfasst 99 Folia und besteht aus drei kodikologischen Einheiten, die sp\u00e4testens am Anfang des 10.\u00a0Jahrhunderts zusammengebunden wurden \u2013 dem Zeitpunkt, zu dem der dritte Teil angefertigt wurde. Der zweite Teil wurde 897 geschrieben, was durch eine Marginalnotiz auf fol. 21r belegt wird. Die Lokalisierung ist weitaus uneindeutiger, es wurden Orte in der Bretagne und Nordfrankreich vorgeschlagen, insulare Einfl\u00fcsse sind ebenfalls erkennbar. Dass bretonische Schreiber am Werk waren, wird durch die fast 500 altbretonischen Glossen, die sich im Codex finden und ihn damit zum Tr\u00e4ger der gr\u00f6\u00dften Sammlung solcher Glossen \u00fcberhaupt werden lassen, augenf\u00e4llig (vgl. ausf\u00fchrlicher zum Codex die Beschreibung Bisagnis und Bischoff 1998, S. 22 Nr. 68 und 69).<\/p>\n<p>Im dritten Teil der Handschrift (fol. 88\u201399) auf fol. 96v\u201399v finden sich aber auch juristische Texte, da dieser Teil u. a. Exzerpte aus Bu\u00dfb\u00fcchern und kanonischem Recht enth\u00e4lt. Einen genaueren Blick verdienen an dieser Stelle Texte auf fol. 97v. Auf dieser Folioseite befindet sich im oberen Teil eine Tabelle und im unteren Teil ein aus mehreren Kreisen bestehendes Diagramm. Um dieses \u201eKreisdiagramm\u201c herum wurden verschiedene Texte von mindestens zwei H\u00e4nden nachgetragen. Diese Texte hat Henri Omont in seiner Untersuchung des sich auf fol. 1r\u20138v befindlichen Glossars als \u201equelques extraits d\u2019un p\u00e9nitentiel\u201c bezeichnet und sie abgedruckt (Omont 1898, S. 669; vgl auch Fleuriot 1959, S. 194). Omont kann man hinsichtlich dieser Charakterisierung zustimmen, auch wenn man pr\u00e4zisieren muss, dass einige der Bestimmungen Strafsummen f\u00fcr Mord an Klerikern und M\u00f6nchen beinhalten. Im Folgenden soll es um sieben dieser acht Bestimmungen gehen, die folgenderma\u00dfen lauten:<\/p>\n<p>1. Qui subdiaconum occiderit solidos CCC culpabilis iudicetur.<br \/>\n2. Qui diaconum occiderit solidos CCCC culpabilis iudicetur.<br \/>\n3. Qui presbiterum occiderit DC culpabilis iudicetur.<br \/>\n4. Qui episcopum occiderit solidos DCCCC culpabilis iudicetur.<br \/>\n5. Qui monachum occiderit solidos CCCC culpabilis iudicetur.<br \/>\n6. Qui occiderit monachum aut clericum arma relinquat et deo seruiat uel VII annis peniteat.<br \/>\n7. Qui presbiterum aut episcopum regi dimitendus est.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">1 Qui] Si quis <em>Bor.<\/em>; solidos CCC culpabilis iudicetur] CCC solidos componat <em>Ans. Ben.1 Ben.2 Bor.<\/em><br \/>\n2. occiderit solidos CCCC culpabilis iudicetur] CCCC componat <em>Ans.<\/em>; CCCC solidos <em>Ben.1<\/em>; CCCC solidos componat <em>Ben.2<\/em>; CCCC <em>Bor.<\/em><br \/>\n3. occiderit DC culpabilis iudicetur] DC componat <em>Ans.<\/em>; DC <em>Ben.1 Ben.2 Bor.<\/em><br \/>\n4. occiderit solidos DCCCC culpabilis iudicetur] DCCCC <em>Ans. Ben.1 Ben.2<\/em>; DCCCC solidos componat <em>Bor.<\/em><br \/>\n5. occiderit solidos CCCC culpabilis iudicetur] CCCC solidos componat <em>Ans.<\/em>; occiderit solidos] <em>fehlt Ben.1<\/em>; occiderit solidos CCCC] CCCC solidis <em>Ben.2<\/em>; occiderit solidos CCCC] CCCC solidis <em>Bor.<\/em><br \/>\n6. aut] uel <em>Iud.<\/em>; deo seruiat uel] Deo in monasterio serviat cunctis diebus vitae suae, numquam ad seculum reversurus, et <em>Ben.3<\/em>; annis peniteat] annos publicam poenitentiam gerat <em>Ben.3<\/em><br \/>\n7. Qui] autem <em>folgt Iud.<\/em>; presbiterum aut episcopum] episcopum uel presbiterum occiderit <em>Iud.<\/em>; est] folgt ad iuditium <em>Iud.<\/em><\/span><\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/Angers_BM_477_fol.97v.png\" alt=\"\" width=\"686\" height=\"525\" \/><\/div>\n<div align=\"center\"><span style=\"font-size: small;\">Abb.: Angers, BM, 477 (461), fol. 97v, Ausschnitt (\u00a9 Angers, M\u00e9diath\u00e8que Toussaint)<\/span><\/div>\n<p>Dem Kapitularienkenner f\u00e4llt beim Anblick der ersten f\u00fcnf Bestimmungen sofort <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-039\/\">BK 39<\/a> c. 1 ein, das sogenannte Capitulare legibus additum Karls des Gro\u00dfen von 803, das die Strafsummen f\u00fcr die T\u00f6tung von Klerikern festlegt (Boretius 1883, S. 113). Wenn man genauer hinsieht, und das kann der obenstehende Apparat gut zeigen, dann hat der Text in der Angers-Handschrift keine direkte, deutliche N\u00e4he zum originalen Kapitularientext (= Bor.), und auch nicht zu Ansegis 3,25 (= Ans.; Schmitz G 1996, S. 583) oder zu Benedictus Levita, wo BK 39 c. 1 gleich zweimal verarbeitet wurde (Ben.1 = Ben. Lev. 1,261 und Ben.2 = Ben. Lev. 2,291; ed. Schmitz G 2018). Sicher ist nur, dass hier das erste Kapitel des Capitulare legibus additum rezipiert, aber etwas individueller formuliert wurde. Durch die parallelistische Struktur erhalten die S\u00e4tze jedenfalls eine deutliche Uniformit\u00e4t und eine gewisse Eindringlichkeit, entfernen sich dadurch allerdings auch von der restlichen Tradition, sodass eine Vorlage nicht mehr sicher zu ermitteln ist.<\/p>\n<p>Der sechste Satz ist bei Benedictus Levita in Buch 2 als c. 90 rezipiert worden (Pertz G 1837, S. 78 = Ben.3); dort hat er aber einen etwas umfangreicheren Wortlaut als in der Handschrift in Angers. Der Wortlaut in der Angers-Handschrift entspricht bis auf eine kleine Variante (<em>aut<\/em> statt <em>vel<\/em>) demjenigen in den sogenannten Iudicia Theodori D (c. 78; vgl. hierzu ed. Elliot S. 8 = Iud.), einem Bu\u00dfbuch irischen Ursprungs, das auch als Capitula Dacheriana bekannt und in der Wendezeit vom 7. zum 8. Jahrhundert entstanden ist. Diese Herkunft trifft auch auf den siebten Satz zu, der c. 79 der Iudicia sehr nahesteht, aber dennoch Spuren eines Bearbeitungsprozesses zeigt. Danach folgt noch eine Bu\u00dfbestimmung zum <em>parricidium<\/em>, die sich gut in die vorangehenden S\u00e4tze einreiht (<em>Parricidium faciens XIIII annos peniteat cum pane et aqua<\/em>).<\/p>\n<p>Die Handschrift aus Angers ist zum einen ein weiteres Zeugnis daf\u00fcr, dass originale Kapitularientexte rezipiert und weiterverarbeitet wurden, und zum anderen insbesondere daf\u00fcr, dass man mit vielf\u00e4ltigen Rezeptionskontexten zu rechnen hat. In einer vornehmlich komputistischen Sammelhandschrift w\u00fcrde man Erlasse der karolingischen Herrscher bzw. deren in anderen Werke integrierte Rezeptionen wohl nicht unbedingt zuerst vermuten. Dass man die Rechtss\u00e4tze in den freien Raum um ein Diagramm herum schrieb, macht zudem deutlich, wie wichtig der genaue Blick auf die Texte ist, die jenseits der sch\u00f6n strukturierten Textbl\u00f6cke und Hauptinhalte einer Folioseite stehen. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts hat ein Schreiber es jedenfalls f\u00fcr wichtig gehalten, sie zu kopieren, und es war f\u00fcr ihn offensichtlich nicht so bedeutend, ob dies nun in einem thematisch passenden textlichen Umfeld geschah oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dominik Trump (Monumenta Germaniae Historica)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Pertz_G_1837\">Pertz G 1837<\/a>, S. 78<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1883\">Boretius 1883<\/a>, S. 113<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Omont_1898\">Omont 1898<\/a><br \/>\nL\u00e9on Fleuriot, La d\u00e9couverte de nouvelles gloses en vieux-breton, in: Comptes rendus des s\u00e9ances de l\u2019Acad\u00e9mie des Inscriptions et Belles-Lettres 103 (1959), S.&nbsp;186\u2013195.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_1996\">Schmitz G 1996<\/a>, S. 583<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Bischoff_1998\">Bischoff 1998<\/a>, S. 22 Nr. 68 und 69<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_2018\">Schmitz G 2018<\/a><br \/>\nMichael D. Elliot, Edition der Iudicia Theodori D, http:\/\/individual.utoronto.ca\/michaelelliot\/manuscripts\/texts\/transcriptions\/pthd.pdf<br \/>\nJacobo Bisagni, Beschreibung Angers, BM, MS 477 (461) https:\/\/ircabritt.nuigalway.ie\/handlist\/catalogue\/9 (mit umfassenden Literaturangaben)<br \/>\n<em>Digitalisat:<\/em> https:\/\/arca.irht.cnrs.fr\/ark:\/63955\/md17cr56n150<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Dominik Trump<\/author>,\n           <span class=\"title\">A chapter by Charlemagne in a Computus manuscript<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-september-2024\/ (accessed on 04\/18\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass man zuweilen in Kontexten auf Kapitel aus Kapitularien st\u00f6\u00dft, in denen man sie nicht erwarten w\u00fcrde, davon zeugt die Handschrift Angers, Biblioth\u00e8que municipale, 477 (461). Und dass man in Kontexten auf einen Kapitularientext aufmerksam gemacht wird, in denen man es nicht erwarten w\u00fcrde, davon zeugt diese Handschrift ebenfalls. 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