{"id":31579,"date":"2024-04-09T10:17:10","date_gmt":"2024-04-09T08:17:10","guid":{"rendered":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=31579"},"modified":"2025-09-23T17:05:12","modified_gmt":"2025-09-23T15:05:12","slug":"ein-raetselhaftes-kapitel-zur-immunitaet-in-der-handschrift-paris-bnf-lat-4613","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/ein-raetselhaftes-kapitel-zur-immunitaet-in-der-handschrift-paris-bnf-lat-4613\/","title":{"rendered":"A puzzling chapter on Immunity in the manuscript Paris, BnF, Lat. 4613"},"content":{"rendered":"<p>Die italienische Rechtssammlung der Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4613\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Paris, lat. 4613<\/a> (10. Jh., Italien; Sigle bei Mordek: P<sub>5<\/sub>), in der die Leges Langobardorum mit Kapitularien aus den Regierungszeiten Karls des Gro\u00dfen bis Ludwigs II. zusammengestellt wurden, ist ein wichtiger \u00dcberlieferungszeuge der fr\u00e4nkischen Herrschererlasse mit einigen wertvollen Unikaten (z.B. <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-025\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 25<\/a>, <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-033\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">33<\/a> oder <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-096\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">96<\/a>). Bedauerlicherweise sind mehrere Lagen verlorengegangen (vgl. <a title=\"zum Blogpost\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/handschrift-des-monats-juli-2018-paris-bnf-lat-4613\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Handschrift des Monats Juli 2018<\/a>) und der Wortlaut ist oft verderbt, manchmal sogar bis zur Unverst\u00e4ndlichkeit. Charakteristisch sind au\u00dferdem an mehreren Stellen eingef\u00fcgte Zusatztexte, deren Herkunft und Status unsicher ist (vgl. <a title=\"zum Blogpost\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/kapitel-des-monats-april-2023-zusatzkapitel-zu-bk-201-in-paris-bnf-lat-4613\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kapitel des Monats April 2023<\/a>).<\/p>\n<p>Ein solcher Zusatz findet sich auch am \u00dcbergang zwischen dem Leges- und dem Kapitularienteil der Handschrift (fol. 62v). Auf die Gesetze aus der Regierungszeit K\u00f6nig Aistulfs (749\u2013756) folgt, nach einer Leerzeile aber ohne Rubrik oder Kapitelz\u00e4hlung, ein kurzer Text mit folgendem Wortlaut:<\/p>\n<p><em>Villa exceptro villarum et piscatoria manufacta et quicquid fossibus aut sepius uel etiam alium genere clausurarum munitione precingitur edodem in munitate et temeratoribus dicatur campo et silva que sine laborationibus sunt nullo modo munitione cinguntur non plus inmunitate nomina conplete quam claustra monasterii.<\/em><\/p>\n<p>Der Editor der Leges Langobardorum, Friedrich Bluhme, gab dem Text den Titel \u201eEiusdem Ahistulfi capitulum spurium\u201c. Diese Benennung f\u00fchrt den Benutzer der Edition jedoch auf eine falsche F\u00e4hrte; Bluhme glaubte nicht etwa, dass es sich um eine F\u00e4lschung handelte, also einen erfundenen Text, den jemand in t\u00e4uschender Absicht K\u00f6nig Aistulf zuschreiben wollte, sondern er vermutete dahinter einen eigenst\u00e4ndigen Zusatz eines Rechtskundigen (\u201eHaec, quae iurisperiti potius quam legislatoris sententiam exprimunt &#8230;\u201c; Bluhme 1868a, S. 205 Anm. 22). Bereits Carlo Baudi di Vesme hielt den Text f\u00fcr einen Zusatz zu den Leges, vielleicht eine Glosse oder Kommentierung (\u201eNullum ibi praefert numerum, ac satis ex ipso contextu apparet, non legem esse langobardicam, verum glossae seu adnotationem a scriptore codicis eo loco insertam.\u201c Baudi di Vesme 1855, S. 448; vgl. auch ebd. S. CIII). Und auch Hubert Mordek beurteilte ihn als sp\u00e4teren Nachtrag (Mordek 1995, S. 471).<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/BP_2024.04_P5_fol.62v.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<div align=\"center\"><span style=\"font-size: small;\">Abb.: Das Zusatzkapitel auf fol. 62v in P<sub>5<\/sub> zwischen dem Ende der Ahistulfi Leges und dem Beginn des Kapitularienteils der Handschrift (\u00a9 Gallica).<\/span><\/div>\n<p>Der Wortlaut des Textes ist offenbar verderbt \u2013 was bei dieser Handschrift, wie erw\u00e4hnt, der Regelfall ist \u2013 und sein Inhalt schwer verst\u00e4ndlich. Bluhme druckte daher neben dem originalen Wortlaut der Handschrift auch noch eine von ihm emendierte Textversion ab (zum besseren Vergleich werden die emendierten Stellen hier fett gesetzt und der Originalwortlaut in Klammern hinzugef\u00fcgt):<\/p>\n<p><em>Villa, <strong>et castro<\/strong> (P<sub>5<\/sub>: exceptro) villarum, et piscatoria manufacta, et quicquid fossibus aut sepibus, vel etiam <strong>alio<\/strong> (P<sub>5<\/sub>: alium) genere clausurarum munitione precingitur <strong>mediocrem, inmunitate et terretorius<\/strong> (P<sub>5<\/sub>: edodem in munitate et temeratoribus) dicatur; campo et silva, que sine laborationibus sunt, <strong>nec ullo<\/strong> (P<sub>5<\/sub>: nullo) modo munitione cinguntur, non plus <strong>inmunitatis nomine conplecti<\/strong> (P<sub>5<\/sub>: inmunitate nomina complete), quam claustra monasterii.<\/em><\/p>\n<p>In dieser emendierten Fassung erscheint der Text als eine Definition eines Immunit\u00e4tsbezirks auf dem Gebiet (<em>terretorius<\/em>) einer befestigten Siedlung (<em>villa et castro villarum<\/em>). Dazu sollte alles geh\u00f6ren, was von Menschen erbaut oder eingez\u00e4unt wurde, nicht aber unbebautes Land, das nicht umz\u00e4unt war. Darauf folgt noch der Nachsatz \u201ewie (auch?) der Klausurbereich eines Klosters\u201c (<em>quam claustra monasterii<\/em>). Dass ein solcher im selben Atemzug genannt wird wie unbebaute Wiesen und W\u00e4lder, w\u00e4re allerdings ein wenig verwunderlich; zudem ist es auch merkw\u00fcrdig, dass es hier augenscheinlich um die Immunit\u00e4t eines Siedlungsbezirks geht, w\u00e4hrend im Mittelalter Immunit\u00e4ten \u00fcblicherweise nur an Kirchen und Kl\u00f6ster verliehen wurden.<\/p>\n<p>Diese Unstimmigkeiten lassen sich jedoch beseitigen \u2013 denn der Text ist keineswegs so unbekannt, wie man es bei einer anonymen Schreiberannotation vermuten w\u00fcrde. Bereits Mordek erkannte, dass er teilweise einem Kapitel aus der Kapitulariensammlung des Benedictus Levita (Benedicti Levitae capitularium collectio 1, 279; ed. Schmitz G 2014, S. 89f.) entsprach. Wie Steffen Patzold herausgestellt hat, handelt es sich bei diesem Kapitel nicht um eine F\u00e4lschung Benedikts, sondern um ein vermutlich echtes Kapitel, das im Umfeld der Reforminitiative Ludwigs des Frommen 828\/829 entstanden ist (Patzold 2014). Es definiert die r\u00e4umliche Erstreckung einer Immunit\u00e4t, die einer Kirche oder einem Kloster durch herrscherliche Urkunde zuerkannt worden war. Diese sollte sich nicht nur auf den Klausurbezirk beziehen, sondern auch alle Geb\u00e4ude sowie sonstige von Menschen eingefriedete Bereiche, die sich im Besitz der Institution befanden, umfassen. Der Wortlaut dieses Kapitels ist zudem um einiges umfangreicher als der Text, der in P<sub>5<\/sub> \u00fcberliefert ist (die Passagen, die sich im Kern in P<sub>5<\/sub> wiederfinden, sind fett hervorgehoben):<\/p>\n<p><em>Pervenit ad nos, quod qu\u0119dam ecclesi\u0119 ac monasteria nostras et predecessorum nostrorum immunitates habentia multa preiudicia et infestationes a quibusdam patiantur et nec per easdem immunitates ullam defensionis tuitionem habere valeant propter hoc, quod ab eisdem immunitatum <strong>temeratoribus dicatur, non plus immunitatis nomine complecti quam claustra monasterii<\/strong>; cetera quoque, quamvis ad easdem ecclesias vel monasteria pertineant, extra immunitatem esse. Propter hoc volumus atque decernimus, ut omnes intellegant non solum claustra monasterii vel ecclesi\u0119 atque castitia ecclesiarum sub immunitatis defensione consistere, verum etiam domos et <strong>villas et septa villarum et piscatoria manu facta, et quicquid fossis et sepibus vel etiam alio clausarum genere precingitur, eodem immunitatis<\/strong> nomine contineri. Et quicquid intra huiusmodi munimenta ad ius earundem ecclesiarum vel monasteriorum pertinentia a quolibet homine nocendi vel dampnum inferendi causa spontanea voluntate committitur, in hoc facto inmunitas fracta iudicatur. Quod vero in agros et <strong>campos ac silvas, qu\u0119 sine laborationibus sunt et nullo modo a munitione cinguntur<\/strong>, casu, sicut fieri solet, a quibuslibet hominibus quiddam dampni factum fuerit, quamvis idem ager aut campus vel silva ad ecclesiam vel monasterium preceptum immunitatis habentem pertineat, non tamen in hoc immunitas fracta iudicanda est. Et ideo non sexcentorum solidorum compositione, sed secundum legem, qu\u0119 in eodem loco tenetur, is multandus est, qui scandalum vel dampnum in tali loco fecisse convictus fuerit.<\/em> (Neuedition von Steffen Patzold in MGH Capit. N.S. 4, Wiesbaden 2024, S. 620)<\/p>\n<p>Wie ersichtlich ist, wurden die Versatzst\u00fccke, die in das extrem verk\u00fcrzte Exzerpt in der Handschrift P<sub>5<\/sub> eingegangen sind, komplett aus ihrem urspr\u00fcnglichen Zusammenhang herausgerissen und in ver\u00e4nderter Reihenfolge neu zusammengesetzt. Sie k\u00f6nnen schon alleine deswegen den Sinn des originalen Textes nicht angemessen wiedergeben. Bluhme hatte also schlechte Karten bei der Emendation des (zus\u00e4tzlich auch noch im Wortlaut entstellten) Textes. Weil er nicht ahnen konnte, dass er es nur mit kleinen Versatzst\u00fccken eines viel l\u00e4ngeren Textes zu tun hatte, tat er das, was jede\/r Editor\/in an seiner Stelle tun w\u00fcrde, n\u00e4mlich den Text als abgeschlossene Einheit anzusehen und ihm durch m\u00f6glichst behutsame Eingriffe einen plausiblen Sinn zu verleihen. W\u00e4hrend er auf diese Weise den Schlussteil fast wortw\u00f6rtlich rekonstruieren konnte, hat er dem Beginn einen v\u00f6llig anderen Sinn verliehen. Durch den Austausch des unverst\u00e4ndlichen <em>exceptro<\/em> (im Original: <em>et septa<\/em>) durch <em>et castro<\/em> sowie von <em>temeratoribus<\/em> (das tats\u00e4chlich so im Original steht) durch <em>terretorius<\/em> erscheint es in seiner Textfassung so, als w\u00fcrde es sich um die Immunit\u00e4t eines befestigten Siedlungs- oder Stadtbezirks handeln.<\/p>\n<p>Der Fall illustriert eindr\u00fccklich die Problematik der Emendation von Texten, insbesondere von unikal \u00fcberlieferten. W\u00e4re nur die Textfassung von P<sub>5<\/sub> bekannt, w\u00e4re Bluhmes verbesserte Fassung diejenige, die Benutzer seiner Edition rezipieren und auf der sie Hypothesen aufbauen w\u00fcrden (was bisher zum Gl\u00fcck noch nicht passiert zu sein scheint). Im vorliegenden Fall l\u00e4sst sich der originale Text durch eine breite \u00dcberlieferung zuverl\u00e4ssig rekonstruieren. Die verk\u00fcrzte Fassung aus P<sub>5<\/sub> kann im Vergleich damit kaum als Ergebnis von blo\u00dfen Lese- oder Abschreibfehlern oder einer l\u00fcckenhaften Textvorlage erkl\u00e4rt werden. Der Sammler (oder Schreiber der Kopie) hat nicht nur Fehler produziert, sondern muss zus\u00e4tzlich gezielt einige Passagen seiner Vorlage herausgegriffen und umsortiert haben. Ob der so zustande gekommene Text zumindest f\u00fcr ihn verst\u00e4ndlich war, ist nicht auszuschlie\u00dfen, aber doch schwer vorstellbar. Dar\u00fcber, welche Absicht hinter diesen Textmanipulationen steckt, kann man nur spekulieren \u2013 der Schreiber der Handschrift P<sub>5<\/sub> ist von der Forschung schon als \u201eBanause\u201c oder sogar als \u201eQuerkopf\u201c (Glatthaar 2013a, S. 78) bezeichnet worden, der aus \u201eFrechheit\u201c oder dem Willen zur \u201eDestruktion\u201c handelte (Zimpel 2004, S. 129). Aus Sicht einer Editorin bleibt jedenfalls zu hoffen, dass wir es hier mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlich seltenen Exemplar der Spezies Sammler (oder Schreiber) zu tun haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>B. Mischke<\/em><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Baudi_di_Vesme_1855\">Baudi di Vesme 1855<\/a>, S. CIII, 448<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Bluhme_1868a\">Bluhme 1868a<\/a>, S. 205<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 471<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Zimpel_2004\">Zimpel 2004<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Glatthaar_2013a\">Glatthaar 2013a<\/a>, S. 77f.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Patzold_2014\">Patzold 2014<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_2014\">Schmitz G 2014<\/a>, S. 89f.<br \/>\n<a title=\"Zum Blogpost\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/handschrift-des-monats-juli-2018-paris-bnf-lat-4613\/\">S\u00f6ren Kaschke, Handschrift des Monats Juli 2018<\/a><br \/>\n<a title=\"Zum Blogpost\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/kapitel-des-monats-april-2023-zusatzkapitel-zu-bk-201-in-paris-bnf-lat-4613\/\">Britta Mischke, Kapitel des Monats April 2023<\/a><br \/>\nNr. 48, ed. Steffen Patzold, in: Fr\u00e4nkische Herrschererlasse 814-840, ed. Karl Ubl et al. (MGH Capit. N.S. 4), Wiesbaden 2024, S. 615-621<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Britta Mischke<\/author>,\n           <span class=\"title\">A puzzling chapter on Immunity in the manuscript Paris, BnF, Lat. 4613<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/ein-raetselhaftes-kapitel-zur-immunitaet-in-der-handschrift-paris-bnf-lat-4613\/ (accessed on 04\/16\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die italienische Rechtssammlung der Handschrift Paris, lat. 4613 (10. 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