{"id":28713,"date":"2020-08-01T09:50:01","date_gmt":"2020-08-01T07:50:01","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=28713"},"modified":"2020-08-01T11:06:33","modified_gmt":"2020-08-01T09:06:33","slug":"handschrift-des-monats-august-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2020\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month August 2020: Stra\u00dfburg, formerly Stadtbibliothek, \u2020 C. V. 6"},"content":{"rendered":"<p>Im deutsch-franz\u00f6sischen Krieg von 1870 wurde die Stadtbibliothek von Stra\u00dfburg durch den Beschuss deutscher Truppen zerst\u00f6rt. Damals verbrannte mit der Handschrift C. V. 6 ein wichtiger Zeuge f\u00fcr das weltliche und kirchliche Recht der Karolingerzeit. Nach der Rekonstruktion von Mordek bestand der Stra\u00dfburger Codex aus der Lex Alamannorum, der Kapitulariensammlung des Ansegis, dem Excarpsus Cummeani, den Konzilskanones von Worms 868 (fragmentarisch) sowie zweier Werke des Paulinus von Aquileia (Brief an Haistulf von Mainz und Libellus sacrosyllabus episcoporum italiae von 794). Die \u00dcberlieferung des Ansegis wurde von Georg Heinrich Pertz f\u00fcr seine Kapitularien-Edition von 1835 benutzt, und zwar nach einer Transkription, die Christian Engelhard f\u00fcr ihn in Stra\u00dfburg angefertigt hatte. Pertz druckte auch Schriftproben ab, die einen guten Eindruck von der sp\u00e4tkarolingischen Handschrift vermitteln. W\u00e4hrend Pertz noch von einer Entstehung im els\u00e4ssischen Kloster Schlettstadt ausging, sprach sich Mordek f\u00fcr die Herkunft aus der Kathedralbibliothek von Stra\u00dfburg aus.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2020.08_Schriftprobe-Engelhardt.png\" alt=\"\" width=\"682\" height=\"582\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><em><span style=\"font-size: small\">Abb.: Schriftprobe aus dem Stra\u00dfburger Codex, angefertigt von Christian Engelhard (MGH LL 1, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_LL_1_S._XXIVa\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tafel IV, 9 nach S. XXIV<\/a>, \u00a9dMGH).<\/span><\/em><\/p>\n<p>Die \u00dcberlieferung des Ansegis weckte bereits das Interesse von Pertz. Vor allem f\u00fcr das vierte Buch, das in der Stra\u00dfburger Handschrift vor den anderen B\u00fcchern stand, bemerkte er einen deutlich abweichenden Wortlaut. Zum Teil seien S\u00e4tze ver\u00e4ndert, erweitert oder ganz weggelassen worden. Manche Kapitel seien so umgeschrieben worden, \u201edass sich Ansegis selbst kaum wiedererkannt h\u00e4tte\u201c. Dieser Umstand sei bereits dem Schreiber der Stra\u00dfburger Handschrift aufgefallen, da er am Ende des vierten Buches einige besonders verunstaltete Kapitel in besserem Wortlaut nachgetragen hat. Pertz verzichtete daher auf eine vollst\u00e4ndige Aufnahme aller Varianten in seine Ansegis-Edition. Gleichwohl druckte er unter der Sigle 6 eine Reihe von Lesarten aus der Stra\u00dfburger Handschrift ab, die ein Bild von den Ver\u00e4nderungen geben.<\/p>\n<p>In seiner Neuedition von Ansegis stellte sich Gerhard Schmitz die Frage, wie es zu dieser Verunstaltung des vierten Buches gekommen sein k\u00f6nnte. Schmitz beobachtete ein Cluster von Varianten in denjenigen Kapiteln, die aus der Aachener Gesetzgebung von 818\/819 stammen (Ans. IV, 13-70=BK 139-141). Ferner stellte er fest, dass sich keine andere \u00dcberlieferung so weit vom Wortlaut des Ansegis entfernt hat wie die Stra\u00dfburger Handschrift. Diesen Befund k\u00f6nne man laut Schmitz am besten durch eine Kontamination erkl\u00e4ren, und zwar von einem Ansegis-Text mit dem Text einer Einzel\u00fcberlieferung der Kapitularien. Schmitz identifizierte eine Lesart der Stra\u00dfburger Handschrift, die auf eine Einzel\u00fcberlieferung von BK 139 zur\u00fcckgehen k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>Ans. IV, 14: <em>De iniuriis sacerdotum vel quorumlibet ex clero in ecclesia factis<\/em><\/p>\n<p>Stra\u00dfburger Handschrift: <em>vel-clero<\/em> fehlt.<\/p>\n<p>BK 139, c. 2: <em>De iniuriis sacerdotum in ecclesiis factis<\/em><\/p>\n<p>Die Auslassung in der Stra\u00dfburger Handschrift entspricht genau der Einzel\u00fcberlieferung des Kapitulars. Schmitz folgert daraus: \u201eEs spricht also alles daf\u00fcr, einen Textbestand der Kapitularien Ludwigs anzunehmen, der vorne und hinten aus Ansegis erg\u00e4nzt wurde: Das erkl\u00e4rt nicht nur die absonderliche Stellung des vierten Buches vor den B\u00fcchern 1-3, es erkl\u00e4rt, weshalb sich in c. 1-12 und in der zweiten Reihe so gut wie keine Abweichungen vom Ansegis-Text finden, es macht die massiven Ver\u00e4nderungen in den Kapitularien der Jahre 818\/819 eher verst\u00e4ndlich, es erkl\u00e4rt die Tatsache, da\u00df ein Schreiber \u00fcberhaupt in einem zweiten Arbeitsgang die fehlenden Kapitel nachtrug, und es erkl\u00e4rt weiter, weshalb im 4. Buch sich nirgendwo eine tragf\u00e4hige Beziehung zu einer anderen Ansegis-Version herstellen l\u00e4\u00dft.\u201c<\/p>\n<p>Es ist jedoch fraglich, ob aus einer Variante solche weitreichenden Schl\u00fcsse gezogen werden k\u00f6nnen. Die Lesart besteht aus einer Auslassung und kann daher nur bedingt als eine gemeinsame Variante bewertet werden, zumal die Stra\u00dfburger Handschrift durch viele Textl\u00fccken gekennzeichnet ist. Bei einem Vergleich der von Pertz genannten Varianten mit dem textkritischen Apparat der Neuedition von BK 139-141 sind keine weiteren Parallelen zutage getreten. Die Stra\u00dfburger Handschrift steht sowohl innerhalb der Ansegis-\u00dcberlieferung als auch innerhalb der \u00dcberlieferung des Kapitulars einzigartig da. Eine sichere Zuordnung zu einer der beiden \u00dcberlieferungen wird dadurch erschwert, dass Pertz die Varianten nur in Auswahl angegeben hat. Dennoch scheint meines Erachtens mehr f\u00fcr eine N\u00e4he zu Ansegis zu sprechen. Bei Ans. IV, 15 unterscheidet sich der Anfang sehr deutlich von BK 139:<\/p>\n<p>Ans. IV, 15: <em>De viduis, pupillis et pauperibus. Praecipimus, ut \u2026<\/em><\/p>\n<p>BK 139, c. 3: <em>De viduis et pupillis et pauperibus. Ut \u2026<\/em><\/p>\n<p>Pertz gab an dieser Stelle keine Variante f\u00fcr die Stra\u00dfburger Handschrift an, was doch merkw\u00fcrdig w\u00e4re, wenn hier der Text des Kapitulars gestanden h\u00e4tte. Noch eindeutiger ist die folgende Rubrik:<\/p>\n<p>Ans. IV, 18: <em>De homine libero, ut potestatem habeat, ubicumque voluerit, res suas dare et qualiter hoc facere debeat.<\/em><\/p>\n<p>Stra\u00dfburger Handschrift: <em>De homine libero, qualiter res suas dare debeat.<\/em><\/p>\n<p>BK 139, c. 6: <em>Ut omnis homo liber potestatem habeat, ubicumque voluerit, res suas dare pro salute animae suae.<\/em><\/p>\n<p>Hier entspricht die Stra\u00dfburger Handschrift sicher der Ansegis-\u00dcberlieferung. Bei allen weiteren Rubriken, die sich bei Ansegis oft deutlich von der Einzel\u00fcberlieferung unterscheiden, hat Pertz keine Varianten der Stra\u00dfburger Handschrift notiert. Man wird deshalb auch in diesen F\u00e4llen eine \u00dcbereinstimmung annehmen k\u00f6nnen. Insgesamt gibt es somit keine zwingenden Gr\u00fcnde, f\u00fcr die Ansegis-\u00dcberlieferung der Stra\u00dfburger Handschrift eine Kontamination mit der Einzel\u00fcberlieferung anzunehmen.<\/p>\n<p>Zuletzt sei noch auf einen merkw\u00fcrdigen Befund hingewiesen. Bei Ans. IV, 23 (=BK 139, c. 11) \u00fcberliefert die Stra\u00dfburger Handschrift nicht den gesamten Text des Kapitels, sondern nur denjenigen Teil, der in der Vorlage (BK 134, c. 5) enthalten ist. \u00dcberdies bewahrt die Stra\u00dfburger Handschrift an drei Stellen die Formulierung <em>fiscus regis<\/em> aus BK 134, c. 5, die in BK 139, c. 11 (=Ans. IV, 23) durch <em>fiscus noster<\/em> ersetzt worden ist. Hier muss es tats\u00e4chlich zu einer Kontamination gekommen sein. Aber womit? Zur Auswahl steht entweder die Einzel\u00fcberlieferung von BK 134, c. 5 oder die Ansegis-Version in Ans. IV, 74. Eine Entscheidung ist anhand der Varianten nicht zu treffen, da Ansegis die beste \u00dcberlieferung von BK 134 bietet und Pertz f\u00fcr die Stra\u00dfburger Handschrift keine weiteren signifikanten Varianten nennt. (Die zweimalige Verschreibung von <em>res mobiles<\/em> zu <em>res nobiles<\/em> in der Stra\u00dfburger Handschrift m\u00f6chte ich nicht dazu rechnen, auch wenn sie an einer Stelle in der Ansegis-Handschrift P17 begegnet: Schmitz G 1996, S. 663).<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen also annehmen, dass der Stra\u00dfburger Schreiber recht eigenwillig mit seiner Vorlage umging, dass es aber keine zwingenden Belege f\u00fcr die Benutzung einer Einzel\u00fcberlieferung von BK 139-141 gibt. Diese Eigenwilligkeit zeigt sich an einer weiteren Umformulierung, bei der er den sachlichen Ton der Kapitularien verfehlte: \u201eUnd wenn sie (die Witwen, Waisen und Armen) von sich aus keine Zeugen stellen k\u00f6nnen, um ihre Prozesse zu f\u00fchren, oder wenn sie das Gesetz nicht kennen, helfe der Graf ihnen und stelle ihnen einen so geschw\u00e4tzigen Mann, der blo\u00df ihre Stellvertretung \u00fcbernimmt oder f\u00fcr sie spricht.\u201c (<em>Et si testes per se ad causas suas quaerendas habere non potuerint vel legem nescierint, adiuvet illis comes et praestet illis tam loquacem hominem, qui tantummodo rationem eorum teneat vel pro eis loquatur.<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Karl Ubl<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/strassburg-sb-c-v-6\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung und Transkription nach Pertz)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1988\">Mordek 1988<\/a>, S. 84 f. Anm. 81<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 714-716<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_1996\">Schmitz G 1996<\/a>, S. 184-188<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Karl Ubl<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month August 2020: Stra\u00dfburg, formerly Stadtbibliothek, \u2020 C. V. 6<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2020\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im deutsch-franz\u00f6sischen Krieg von 1870 wurde die Stadtbibliothek von Stra\u00dfburg durch den Beschuss deutscher Truppen zerst\u00f6rt. Damals verbrannte mit der Handschrift C. V. 6 ein wichtiger Zeuge f\u00fcr das weltliche und kirchliche Recht der Karolingerzeit. 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