{"id":28391,"date":"2020-02-28T14:00:22","date_gmt":"2020-02-28T13:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=28391"},"modified":"2020-03-02T13:39:38","modified_gmt":"2020-03-02T12:39:38","slug":"handschrift-des-monats-maerz-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-maerz-2020\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month March 2020: Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, Nouv. acq. lat. 2317, fols 47-48"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fragment einer italienischen Sammlung, 12.\/13. Jh.<\/strong><\/p>\n<p>Zu den Recherchearbeiten f\u00fcr die neue Edition geh\u00f6rt auch die \u00dcberpr\u00fcfung von \u00dcberlieferungen, die Hubert Mordek nur fl\u00fcchtig erw\u00e4hnt oder die er m\u00f6glicherweise sogar \u00fcbersehen haben k\u00f6nnte. In diesem Zusammenhang stie\u00dfen wir im Anhang II seiner Bibliotheca auf folgenden Absatz:<\/p>\n<p>\u201eAuf eine Sammlung d\u00fcrften sich jene von mir nicht n\u00e4her untersuchten Kapitularienexzerpte zur\u00fcckf\u00fchren, die in dem italienischen Handschriftenfragment Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, nouv. acq. Lat. 2317 (12.\/13. Jh.), foll. 47-48 kopiert sind.\u201c (Mordek 1995, S. 1039)<\/p>\n<p>Da die Miszellanhandschrift, die das Fragment enth\u00e4lt, nicht als Digitalisat auf Gallica verf\u00fcgbar ist, lie\u00dfen wir uns Aufnahmen der beiden Folia von der Biblioth\u00e8que Nationale liefern. Zun\u00e4chst sah ihr Inhalt recht vielversprechend aus: Die beiden Bl\u00e4tter enthalten Exzerpte aus dem Langobardenrecht und aus den Kapitularien, deren Auswahl und Zusammenstellung weder aus den italienischen Kapitularien\u00fcberlieferungen noch aus den Handschriften des sp\u00e4ter entstandenen sogenannten Liber Papiensis, der Langobarden- und Kapitularienrecht vereint, bekannt war. Nach einer genaueren Analyse k\u00f6nnen wir nun jedoch ausschlie\u00dfen, dass wir es dabei mit Resten einer Sammlung zu tun haben, die f\u00fcr unsere Edition relevant w\u00e4re: Es handelt sich vielmehr um einen Auszug aus der Lombarda, einer Ende des 11. Jahrhunderts erfolgten Umarbeitung des chronologisch geordneten Liber Papiensis zu einer systematischen, nach Sachthemen geordneten Sammlung des langobardischen und fr\u00e4nkischen Rechts f\u00fcr Italien in drei B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Eine kritische Edition der Lombarda fehlt bis heute (vgl. Radding 1988, S. 175; Meyer C 2003, S. 389 f. Anm. 11). Friedrich Bluhme hat in seiner Edition der Leges Langobardorum jedoch ein Verzeichnis der Titel und Kapitel der Lombarda mit Verweisen auf die rezipierten Stellen aus dem Liber Papiensis gedruckt (Bluhme 1868, S. 607\u2013638). Anhand dieser \u00dcbersicht lassen sich die auf den beiden Bl\u00e4ttern erhaltenen Textfragmente leicht den entsprechenden Stellen der Lombarda zuordnen. Fol. 47r-v \u00fcberliefert den Text von Lib. II, Tit. LV, c. 15 (= Liutprand 60, Boretius 1868, S. 431 f., ab <em>quod nullum colludium<\/em>) bis c. 33 (= Lothar 56, Boretius 1868, S. 548, bis <em>interdicatur<\/em>; Verzeichnis bei Bluhme: S. 633 Z. 42 &#8211; S. 634 Z. 4) und fol. 48r-v Lib. III, Tit. I, c. 32 (= Ludwig 23, Boretius 1868, S. 534, ab <em>exactaverit<\/em> [NAL 2317: <em>exactavit<\/em>] <em>cum sua lege<\/em>) bis Lib. III, Tit. III, c. 6 (= Lothar 43, Boretius 1868, S. 546, nur Anfang <em>De decimis ut<\/em>; Verzeichnis bei Bluhme: S. 634 Z. 29 &#8211; S. 635 Z. 7). Die Rubriken fehlen gr\u00f6\u00dftenteils, nur auf fol. 48v findet sich die Rubrik zu Lib. III, Tit. 2: <em>Quando liceat alicuiu alterius clericum recipe vel non<\/em> (sic); vgl. Verzeichnis bei Bluhme, S. 635 Z. 3.<\/p>\n<p>Nach der \u00c4hnlichkeit der Schrift und des Layouts zu urteilen, k\u00f6nnten die beiden Seiten m\u00f6glicherweise ehemals Teile einer heute in Olm\u00fctz aufbewahrten \u00dcberlieferung der Lombarda gewesen sein, n\u00e4mlich des \u201eCodex Olmutianus, capituli ecclesiae cathedralis, num. 210\u201c (Bluhme 1868, S. CVIII). In der Einleitung Bluhmes zu seiner Edition findet sich eine farbige Nachzeichnung eines Seitenausschnittes der Olm\u00fctzer Handschrift, die von Wilhelm Wattenbach angefertigt wurde (ebd., S. CIIa\/Tafel 6).<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2020.03_CodexOlmutianus.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb.: Nachzeichnung eines Ausschnittes aus dem Codex Olmutianus von Wilhelm Wattenbach, in Bluhme 1868, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_LL_4_S._CIIa\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">S. CIIa\/Tafel 6<\/a>.<\/p>\n<p>Die Archivbest\u00e4nde des Olm\u00fctzer Domkapitels werden heute im <a href=\"http:\/\/fabian.sub.uni-goettingen.de\/fabian?Landesarchiv_Troppau-Arbeitsstelle_Olmuetz\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Landesarchiv Troppau, Arbeitsstelle Olm\u00fctz<\/a> aufbewahrt. Die Handschrift mit der heutigen Signatur C. O. 210 (Anfang 13. Jh.) wird erstmals in einem Inventar aus dem Jahr 1430 erw\u00e4hnt und wurde vielleicht von einem humanistischen B\u00fccherliebhaber aus Italien nach M\u00e4hren mitgebracht (vgl. zur Handschrift Boh\u00e1\u010dek 1962). Der Text ist, wie f\u00fcr die Lombarda typisch, ausf\u00fchrlich kommentiert. Die Glossierung wurde von mehreren H\u00e4nden interlinear und an den Seitenr\u00e4ndern vorgenommen und enth\u00e4lt neben Worterl\u00e4uterungen auch ausf\u00fchrlichere Kommentare mit Verweisen auf Parallelstellen.<\/p>\n<p>Der Vergleich der Nachzeichnung von Wattenbach mit den Bildern aus NAL 2317 (f\u00fcr die wir keine Reproduktionsrechte erworben haben, weshalb wir sie in diesem Blogpost nicht zeigen k\u00f6nnen) ergibt eine weitgehende \u00dcbereinstimmung in Schrift und Layout, den abwechselnd blauen und roten Zierinitialen und in der Glossierung, deren verschiedene Schichten sogar in der Nachzeichnung durch die originalgetreue Wiedergabe der daf\u00fcr verwendeten unterschiedlichen Tintenfarbe sofort erkennbar sind. Der Text der Lombarda endet in der Olm\u00fctzer Handschrift fragmentarisch in Lib. II, Tit. XXIX, c. 2 (ca. Mitte; Boh\u00e1\u010dek 1962, S. 327). Die beiden Bl\u00e4tter aus Paris mit Ausz\u00fcgen aus Lib. II, Tit. LV und Lib. III., Tit. I-III k\u00f6nnten daher gut Bruchst\u00fccke des verlorenen letzten Teils dieser Handschrift sein. Auf welchem Weg sie nach Paris gelangt sein k\u00f6nnten, ist eine spannende, aber hier nicht zu kl\u00e4rende Frage \u2013 vielleicht verlief auch die Reiseroute der Olm\u00fctzer Handschrift von Italien aus zun\u00e4chst \u00fcber Paris?<\/p>\n<p>Bei der von Mordek nur nebenbei erw\u00e4hnten fragmentarischen Sammlung handelt es sich also nicht um eine bisher unbekannte, \u201aoriginale\u2018 Kapitularien\u00fcberlieferung, doch vielleicht k\u00f6nnen die im Zuge unserer Recherchen gewonnenen Erkenntnisse weiteren Nutzen f\u00fcr die Erforschung der Kapitularienrezeption \u00fcber den Traditionszweig der Lombarda haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>B. Mischke<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Bluhme_1868\">Bluhme 1868<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1868\">Boretius 1868<\/a><br \/>\nBoh\u00e1\u010dek, Miroslav, Le opere delle scuole medievali di diritto nei mansocritti della Biblioteca del Capitolo di Olomouc, in: Studia Gratiana 8 (1962), S. 305-421; hier: S. 326-329<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Radding_1988\">Radding 1988<\/a><br \/>\nMeyer, Christoph H. F., Langobardisches Recht n\u00f6rdlich der Alpen. Unbeachtete Wanderungen gelehrten Rechts im 12.-14. Jahrhundert, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 71 (2003), S. 387-408<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Britta Mischke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month March 2020: Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, Nouv. acq. lat. 2317, fols 47-48<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-maerz-2020\/ (accessed on 04\/18\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragment einer italienischen Sammlung, 12.\/13. Jh. Zu den Recherchearbeiten f\u00fcr die neue Edition geh\u00f6rt auch die \u00dcberpr\u00fcfung von \u00dcberlieferungen, die Hubert Mordek nur fl\u00fcchtig erw\u00e4hnt oder die er m\u00f6glicherweise sogar \u00fcbersehen haben k\u00f6nnte. 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