{"id":28222,"date":"2020-02-02T23:49:17","date_gmt":"2020-02-02T22:49:17","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=28222"},"modified":"2022-08-25T22:18:37","modified_gmt":"2022-08-25T20:18:37","slug":"sammlung-des-monats-februar-2020-spuren-einer-verlorenen-kapitulariensammlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/sammlung-des-monats-februar-2020-spuren-einer-verlorenen-kapitulariensammlung\/","title":{"rendered":"Collection of the Month February 2020: Traces of a lost capitulary collection"},"content":{"rendered":"<p>Bald nach seiner \u00dcbernahme des Kaisertitels im Jahr 800 initiierte Karl der Gro\u00dfe vielf\u00e4ltige Reformma\u00dfnahmen zum Rechtswesen im Frankenreich. Diese umfassten nicht nur eine Revision bzw. erstmalige Kodifikation verschiedener Leges, sondern \u00e4u\u00dferten sich auch in einer zuvor nicht gekannten Intensit\u00e4t in der Produktion von Kapitularien (Ubl 2017, S. 174-191; Nelson 2019, S. 394-398). Die Kenntnis zumindest einiger der vielen diesbez\u00fcglichen Texte war f\u00fcr jeden Missus von gro\u00dfer Bedeutung, der sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, \u201eseine\u201c Kapitularien nicht richtig gelesen zu haben und entsprechend das kaiserliche Missfallen auf sich zu ziehen (Nelson 2019, S. 435-438). Dies mag jedenfalls eine Motivation f\u00fcr die Erstellung einer in mehreren Handschriften \u00fcberlieferten Kapitulariensammlung gewesen sein, zu deren Kernbestand u.a. <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-067\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 67<\/a> geh\u00f6rte, eine Liste mit sechs Kapiteln, die z.T. direkt an die Missi gerichtet sind. So enth\u00e4lt BK 67 bezeichnenderweise mit c. 6 ausdr\u00fccklich eine Bestimmung, wonach jeder Missus, der ein Exemplar der Kapitel von BK 67 hat, diese auch an jene Missi \u00fcbermitteln soll, die sie noch nicht haben, damit sich k\u00fcnftig niemand damit herausreden k\u00f6nne, er habe das Kapitular nicht gekannt.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu anderen Sammlungen besteht hier jedoch das Problem, dass ihre urspr\u00fcngliche Gestalt wohl nirgends mehr in Reinform erhalten ist, die Sammlung also nicht einfach anhand der Reihenfolge bestimmter Texte in einer gegebenen Handschrift identifiziert werden kann. Schreiber haben beim Kopieren einer Kapitulariensammlung oft genug gr\u00f6\u00dfere und kleinere Umstellungen vorgenommen oder Nachtr\u00e4ge hinzugef\u00fcgt, und nur in den seltensten F\u00e4llen wurde eine ganze Handschrift, oder auch nur ein kompletter Abschnitt daraus, unver\u00e4ndert abgeschrieben. So kommt es, dass potentiell jede Kapitularienhandschrift einerseits in ihrer Gesamtheit als eine Sammlung bezeichnet werden kann \u2013 so etwa h\u00e4ufig bei Mordek 1995 \u2013, andererseits aber zugleich eine Kombination mehrerer Teilsammlungen darstellt. F\u00fcr eine differenzierte Rekonstruktion der sammlerischen Motivation(en) hinter einer Kapitularienhandschrift ist es daher wichtig, derartige Teilsammlungen und wiederkehrende Textverbindungen (auch zu Texten einer anderen Gattung) zu identifizieren.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr die dabei auftretenden methodischen Probleme soll hier die oben bereits angesprochene Teilsammlung um BK 67 dienen. Ausgangspunkt ist zun\u00e4chst eine Betrachtung der 20 Handschriften von BK 67 und dort wiederholt auftretender Textkombinationen. Bereits Mordek hatte auf eine \u201efraglos bayerisch[e] Rechtskodifikation\u201c hingewiesen (Mordek 1995, S. 314f., 400; das Zitat S. 315), die sich u.a. in der Koppelung mit BK 69, einer von Boretius als \u201eCapitulare Baiwaricum\u201c bezeichneten Kapitelliste, ausdr\u00fcckt. Die Zusammenstellung l\u00e4sst sich noch in vier Handschriften gut erkennen (M\u00fcnchen, clm 5260, dessen Kopie clm 3519, ferner clm 19415 sowie das Fragment N\u00fcrnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 110 477b\/47). Im Folgenden soll es jedoch um eine weitere Gruppe von drei Handschriften von BK 67 gehen, die wohl unabh\u00e4ngig voneinander auf eine verlorene Kapitulariensammlung zur\u00fcckgehen. Es handelt sich dabei um die Handschriften <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/nuernberg-sb-cent-v-app-96\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">N\u00fcrnberg, Stadtbibliothek, Cent. V, App. 96<\/a> sowie die beiden jeweils BK 67 fragmentarisch abbrechenden \u00dcberlieferungen in <a title=\"zur Handschrift\" href=\"https:\/\/www.e-codices.unifr.ch\/en\/fmb\/cb-0107\/1r\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Cologny, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 107<\/a> und <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/st-petersburg-sb-q-v-ii-11\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Sankt Petersburg, Rossijskaja Nacional&#8217;naja Biblioteka, Q. v. II. 11<\/a>.<\/p>\n<p>Die Sammlung beinhaltete vermutlich die folgenden Texte:<br \/>\n(1) <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-040\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 40<\/a> (mit einer auff\u00e4lligen, aber auch anderswo begegnenden Umstellung von c. 23-24 hinter c. 28; mehrere der 29 kurzen Kapitel richten sich ausdr\u00fccklich an die Missi)<br \/>\n(2) c. 3 von <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-104\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 104<\/a> (letzteres eine Zusammenstellung verstreut \u00fcberlieferter Kapitel, von Boretius als \u201eCapitula Francica\u201c ediert; c. 3 richtet sich erneut an die Missi)<br \/>\n(3) die Recapitulatio solidorum (eine Zusammenstellung der verschiedenen in der Lex Salica vorgeschriebenen Bu\u00dfsummen, siehe Ubl 2018)<br \/>\n(4) BK 67 (mit der bezeichnenden, u.a. in der N\u00fcrnberger Handschrift erhaltenen Rubrik: &#8220;Hec capitula missi nostri cognita faciant omnibus in omnes partes&#8221; &#8211; &#8220;Diese Kapitel machen unsere Missi allen in allen Gebieten bekannt&#8221;).<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/SDM 2020.02 Cologny_107_fol_142r.PNG\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb. Cologny, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 107, fol. 142r: Leicht variierte Rubrik zu BK 67 (\u00a9 Fondation Martin Bodmer)<\/span><\/p>\n<p>Ob die Kombination mit c. 3 von BK 104 urspr\u00fcnglich ist oder eine sekund\u00e4re Erg\u00e4nzung darstellt, ist nicht ganz sicher, da das Kapitel nur in diesen drei Handschriften vorkommt, aber in der ebenfalls die Reihenfolge BK 40 \u2013 Recapitulatio solidorum \u2013 BK 67 aufweisenden Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4995\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Paris lat. 4995<\/a> fehlt. Allerdings fehlt dort auch die Kapitelumstellung in BK 40 sowie dessen c. 29, weshalb das genaue Verh\u00e4ltnis der Pariser Handschrift (mit ihrem \u00f6fters sinnentstellenden Text) noch der n\u00e4heren Untersuchung bedarf.<\/p>\n<p>Die Recapitulatio solidorum wiederum fehlt in der N\u00fcrnberger Handschrift, ist aber in den Handschriften aus Cologny und Sankt Petersburg jeweils in der von ihrem letzten Editor als \u201eA1\u201c bezeichneten Fassung enthalten. Zwei weitere Handschriften mit der A1-Fassung enthalten dagegen zwar nicht BK 67, aber BK 40 mit der Umstellung von c. 23-24. Zumindest eine dieser Handschriften, <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/modena-bc-o-i-2\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Modena, Biblioteca Capitolare, O. I. 2<\/a>, repr\u00e4sentiert ihrerseits eine gro\u00dfe Kapitulariensammlung (den sogenannten \u201eLiber legum\u201c des Lupus), die bekannt f\u00fcr ihre selbst\u00e4ndige Materialanordnung ist. Die von Lupus benutzten Sammlungen lassen sich daher generell nicht mehr anhand ihrer individuellen Kapitularienreihung erkennen.<\/p>\n<p>Innerhalb von BK 40 schlie\u00dflich weisen zwar alle drei Handschriften die Umstellung von c. 23-24 auf. Zus\u00e4tzlich sind aber in der Sankt Petersburger Handschrift auch noch c. 3-5 hinter c. 6 verschoben, und diese Umstellung findet sich ebenfalls in der Handschrift aus Cologny, die jedoch wiederum zwei weitere, eigene St\u00f6rungen aufweist (Ausfall von c. 29, Verschiebung von c. 14 hinter c. 19).<\/p>\n<p>Als vorl\u00e4ufige Hypothese lie\u00dfe sich postulieren, dass die urspr\u00fcngliche Kapitulariensammlung noch zu Lebzeiten Karls des Gro\u00dfen von einem weltlichen Missus angefertigt wurde, m\u00f6glicherweise bald nach dem Erlass von BK 67 mit seiner ausdr\u00fccklichen Bestimmung zur Weitergabe von Kapitularien von Missus zu Missus. Die N\u00fcrnberger Handschrift k\u00f6nnte entweder einen Seitenzweig repr\u00e4sentieren, bei dem die Recapitulatio solidorum \u2013 immerhin kein Kapitular und vor allem f\u00fcr Amtstr\u00e4ger mit Funktionen im weltlichen Gericht relevant \u2013 entfernt wurde, oder aber dem verlorenen Archetyp nahe gestanden haben, der erst eine St\u00f6rung in BK 40 aufgewiesen und die Recapitulatio noch nicht enthalten hatte. Die Handschriften von Sankt Petersburg und Cologny w\u00e4ren dann jeweils sukzessive weiter entfernte Ableitungen, bei denen die Verwirrung in BK 40 immer mehr zunahm. Wie stets bedarf eine solche Hypothese nat\u00fcrlich noch eines detaillierten Textvergleichs zu ihrer \u00dcberpr\u00fcfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>S. Kaschke<\/em><\/p>\n<p><!-- Literaturangaben --><br \/>\n<strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ubl_2017\">Ubl 2017<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ubl_2018\">Ubl 2018<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Nelson_2019\">Nelson 2019<\/a><\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Collection of the Month February 2020: Traces of a lost capitulary collection<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/sammlung-des-monats-februar-2020-spuren-einer-verlorenen-kapitulariensammlung\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bald nach seiner \u00dcbernahme des Kaisertitels im Jahr 800 initiierte Karl der Gro\u00dfe vielf\u00e4ltige Reformma\u00dfnahmen zum Rechtswesen im Frankenreich. Diese umfassten nicht nur eine Revision bzw. erstmalige Kodifikation verschiedener Leges, sondern \u00e4u\u00dferten sich auch in einer zuvor nicht gekannten Intensit\u00e4t in der Produktion von Kapitularien (Ubl 2017, S. 174-191; Nelson 2019, S. 394-398). 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