{"id":26162,"date":"2019-07-09T12:14:39","date_gmt":"2019-07-09T10:14:39","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=26162"},"modified":"2019-08-01T09:12:16","modified_gmt":"2019-08-01T07:12:16","slug":"handschrift-des-monats-august-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2019\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month August: M\u00fcnchen, Bayerische Staatsbibliothek, Lat. 29555\/1 &#038; Inc. s. a. 26m &#038; UB, \u2020 Fragmente"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine fragmentarische Kapitulariensammlung aus Oberitalien<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Liber legum des Lupus, Teil 3 (zu <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/handschrift-des-monats-dezember-2017\/\">Teil 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/handschrift-des-monats-dezember-2018\/\">Teil 2<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>Mit den drei M\u00fcnchener Signaturen ist eine fragmentarische Kapitulariensammlung bezeichnet, von der 31 Bl\u00e4tter bekannt sind (Sigle bei Mordek 1995: M4). Sie entstand in Oberitalien im ausgehenden 9.\/ beginnenden 10. Jh.; das j\u00fcngste darin enthaltene Kapitular stammt von Kaiser Wido aus dem Jahr 891 (BK 224). Die Handschrift wurde im Kloster Benediktbeuern makuliert und ihre Bestandteile \u2013 Einzel- und Doppelbl\u00e4tter, teils stark beschnitten \u2013 zur Stabilisierung der Einb\u00e4nde von Handschriften und Inkunabeln verwendet. Von den bekannten Bl\u00e4ttern wurden vier in der M\u00fcnchener Universit\u00e4tsbibliothek aufbewahrt, die jedoch 1944 bei Bombenangriffen verbrannten. Dank einer Beschreibung Gerhard Seeligers, der die Fragmente 1894 sichtete, haben sich jedoch Informationen \u00fcber die darin enthaltenen Texte sowie Teiltranskriptionen und einzelne Lesarten erhalten.<\/p>\n<p>Die Inhalte dieser oberitalienischen Sammlung sind f\u00fcr die Erforschung der Kapitularien in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen ist sie ein weiterer Beleg f\u00fcr die Rezeption der Kapitulariensammlung des Ansegis in Italien (vgl. dazu Patetta 1967i S. 724), denn die darin enthaltene Kopie des Ansegis in der Textstufe der Untergruppe B1 war laut Gerhard Schmitz \u201emit Sicherheit bereits im ausgehenden 9. Jh. im Umlauf\u201c (Schmitz G 1996 S. 174). Zum anderen finden sich darin einige sehr selten \u00fcberlieferte St\u00fccke. Zwei Kapitularien werden ansonsten nur noch von einer anderen Handschrift tradiert, n\u00e4mlich die Capitula ab episcopis imperatori proposita (<a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-175\/\">BK 175<\/a>) und das Hludowici II commonitorium episcopis Papiae traditum (BK 209). Diese andere Handschrift, <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/gotha-flb-memb-i-84\/\">Gotha FB Memb. I 84<\/a> (10.\/11. Jh., Mainz = G), ist eng mit der M\u00fcnchener Sammlung verwandt, bietet aber vielfach einen schlechteren Text als diese (Mordek 1995 S. 369). So hat der Gothanus z.B. bei BK 175 eine ganze Textpassage, wahrscheinlich durch einen Augensprung, ausgelassen, f\u00fcr den die M\u00fcnchener Handschrift daher der einzige Textzeuge ist (Seeliger 1894 S. 672). Dar\u00fcber hinaus enth\u00e4lt die M\u00fcnchener Sammlung Ausz\u00fcge aus dem Capitulare Mantuanum secundum, generale 813 (BK 93) in der selten \u00fcberlieferten Ausfertigung auf den Namen Bernhards von Italien (Mordek 1995 S. 371, ders. 1995a S. 1013 mit Anm. 73). Die Kapitel 1 und 3 desselben Kapitulars wurden noch ein zweites Mal direkt im Anschluss an die Collectio Ansegisi kopiert, wobei c. 1 ein nur hier \u00fcberliefertes Addendum enth\u00e4lt, das laut Mordek eventuell bei einer Best\u00e4tigung des Mantuaner Kapitulars Bernhards durch Karl den Gro\u00dfen hinzugef\u00fcgt worden sein k\u00f6nnte (Mordek 1995 S. 997, Glatthaar 2014 S. 29 f. mit Anm. 123).<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2019.08_M4_BII_fol.2v.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb. Cod. M\u00fcnchen Lat. 29555\/1, <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00080501\/image_14\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Teil B II, fol. 2v<\/a> (\u00a9 BSB M\u00fcnchen): Ende von BK 93 c. 1 mit dem nur hier \u00fcberlieferten Zusatz (Z. 2-4): <em>quod si ipse comes adhuc huiuscemodi altercationi finem inponere nequiverit, nunciet imperatori vel regi et eius iuditio terminetur.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Aufgrund des fragmentarischen Erhaltungszustandes der Handschrift ist die urspr\u00fcngliche Reihenfolge der einzelnen Bl\u00e4tter nicht sicher zu rekonstruieren. Seeliger und Mordek haben eine m\u00f6gliche Reihenfolge vorgeschlagen, die an einigen Stellen unzweifelhaft ist, an anderen aber auf blo\u00dfen Vermutungen beruht. Dort, wo ein l\u00e4ngerer Text, der auch aus anderen \u00dcberlieferungen bekannt ist \u2013 wie die Collectio Ansegisi \u2013 l\u00fcckenhaft auf mehrere Einzelbl\u00e4tter verteilt ist, ist eine Rekonstruktion der Abfolge unproblematisch; schwieriger wird es jedoch bei Bruchst\u00fccken, die mitten im Text einsetzen und bei denen unklar ist, was ihnen vorausging oder folgte. Die Fragmente, die direkte \u00dcberg\u00e4nge zwischen unterschiedlichen Texten bewahrt haben, lassen jedoch erkennen, dass sich die Gemeinsamkeiten mit der Handschrift aus Gotha nicht nur auf die jeweilige Textfassung erstrecken, sondern auch auf die Reihenfolge der Texte innerhalb der Sammlung. Ordnet man ein einziges der Fragmente nach dem Vorbild der Gothaer Handschrift an einer anderen Stelle als der von Seeliger und Mordek vorgeschlagenen Reihenfolge ein, so ergibt sich, dass die M\u00fcnchener Sammlung und der Gothanus f\u00fcr den gesamten Block von der Collectio Ansegisi bis zur Synode von Pavia 850 (MGH Concilia 3 Nr. 23, S. 217-229) geradezu Zwillingshandschriften sind, wie die folgende \u00dcbersicht zeigt:<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2019.08_Tabelle.png\" alt=\"\" width=\"654\" height=\"643\" \/><\/div>\n<p>Die Kapitulariensammlung in der Gotha-Handschrift wurde bisher als eine erweiterte Redaktionsfassung des Liber legum des Lupus von Ferri\u00e8res angesehen (Wormald 2001 S. 55, Pohl 2003 S. 433 f.), die m\u00f6glicherweise n\u00f6rdlich der Alpen entstanden sei (Nicolaj 2013a S. 287 f.). Dieser Ansatz zur Erkl\u00e4rung der <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/blog\/handschrift-des-monats-dezember-2018\/\">erheblichen Unterschiede<\/a> zwischen dem Gothanus und der einzigen anderen vollst\u00e4ndigen \u00dcberlieferung des Liber legum, der Handschrift Modena, BC, O. I. 2 verliert an \u00dcberzeugungskraft, nachdem nun mit der M\u00fcnchener Sammlung eine Parallel\u00fcberlieferung zu der Gothaer Sammlung ausfindig gemacht wurde, die nicht nur in Textbestand und \u2013reihenfolge, sondern auch in der gemeinsamen \u00dcberlieferung mit der B1-Fassung des Ansegis mit dieser \u00fcbereinstimmt. Wir scheinen es hier mit einer um j\u00fcngere Kapitularien erweiterten Ansegis-Sammlung zu tun zu haben, die bereits Ende des 9. Jahrhunderts in Oberitalien zirkulierte und die unter anderem eine Vorlage benutzte, auf die auch Lupus f\u00fcr seinen Liber legum zur\u00fcckgriff.<\/p>\n<p>Doch ist damit das R\u00e4tsel der M\u00fcnchener Sammlung noch nicht vollends gel\u00f6st, denn sie enth\u00e4lt neben dem mit dem Gothanus nahezu identischen Block auch noch weitere Kapitularien(ausz\u00fcge) in Listenform, die dieser nicht \u00fcberliefert. Es handelt sich bei diesen zwar um bekannte Texte, n\u00e4mlich um einzelne Kapitel aus Kapitularien oder Synoden aus der Zeit von Pippin von Italien (Pippini Italiae regis capitulare 782-786, BK 91, c. 20 und 3) bis zu Lothar (R\u00f6misches Konzil unter Papst Eugen II., 826, MGH Conc. 2, 2 S. 576-580), doch ist unklar, ob es sich dabei um Exzerpte eines Sammlers handelt oder vielleicht doch um eigenst\u00e4ndige Kapitularien. Letzteres vermutete Mordek, der in den beiden Kapitellisten Erneuerungen \u00e4lterer Bestimmungen durch Karl den Gro\u00dfen bzw. Ludwig den Frommen sah (Capitula Italica incerta I, II und III, Mordek 1995, Anhang Nr. 14, <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/mordek-nr-15\/\">15<\/a> und <a href=\"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/mordek-nr-24\/\">24<\/a>).<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2019.08_M4_A_fol.1r-v.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb. Cod. M\u00fcnchen Lat. 29555\/1, <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00080501\/image_3\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">Teil A, fol. 1r-v<\/a> (\u00a9 BSB M\u00fcnchen): Fragmentarische Kapitelliste unbekannter Herkunft; vielleicht unbekanntes Kapitular Ludwigs des Frommen? (Mordek 1995, Anhang Nr. 24)<\/span><\/p>\n<p>Auch wenn einige R\u00e4tsel wohl ungel\u00f6st bleiben, ist es ein seltener gl\u00fccklicher Zufall, dass sich die \u00dcberreste dieser Sammlung, versteckt in den Benediktbeurer Einb\u00e4nden, erhalten haben und geborgen werden konnten. Ein solcher Fund l\u00e4sst erahnen, wie stark besonders die Mittelalterforschung von \u00dcberlieferungszuf\u00e4llen abh\u00e4ngig ist, und wie sehr sich ihre Erkenntnisse durch das Wiederauftauchen nur einer einzigen zuvor unbekannten Quelle ver\u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>B. Mischke<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenchen-bsb-lat-29555-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Seeliger_1894\">Seeliger 1894<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Patetta_1967i\">Patetta 1967i<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 369-376<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_1996\">Schmitz G 1996<\/a>, S. 173 f.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Wormald_2001\">Wormald 2001<\/a>, S. 55<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Pohl_2003\">Pohl 2003<\/a>, S. 433 f.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Hauke_2013\">Hauke 2013<\/a>, S. 13-17<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Nicolaj_2013a\">Nicolaj 2013a<\/a>, S. 287 f.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Glatthaar_2014\">Glatthaar 2014<\/a>, S. 29 f.<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Britta Mischke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month August: M\u00fcnchen, Bayerische Staatsbibliothek, Lat. 29555\/1 &#038; Inc. s. a. 26m &#038; UB, \u2020 Fragmente<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-august-2019\/ (accessed on 05\/13\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine fragmentarische Kapitulariensammlung aus Oberitalien Der Liber legum des Lupus, Teil 3 (zu Teil 1, Teil 2) Mit den drei M\u00fcnchener Signaturen ist eine fragmentarische Kapitulariensammlung bezeichnet, von der 31 Bl\u00e4tter bekannt sind (Sigle bei Mordek 1995: M4). Sie entstand in Oberitalien im ausgehenden 9.\/ beginnenden 10. 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