{"id":25389,"date":"2019-03-05T14:54:22","date_gmt":"2019-03-05T13:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=25389"},"modified":"2019-11-21T19:02:13","modified_gmt":"2019-11-21T18:02:13","slug":"sammlung-des-monats-maerz-2019-eine-italienische-vier-kapitularien-sammlung-bk-20a-22-23-95","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/sammlung-des-monats-maerz-2019-eine-italienische-vier-kapitularien-sammlung-bk-20a-22-23-95\/","title":{"rendered":"Collection of the Month March 2019: An Italian collection of four capitularies (BK 20a\/22\/23\/95)"},"content":{"rendered":"<p>Kapitularien sind keine eigenbr\u00f6tlerischen Nomaden, sondern recht gesellige Wesen, die oft in der Gesellschaft anderer Texte zu finden sind; sei es weiterer Kapitularien, sei es sonstiger Rechtstexte, sei es auch ganz anderer Werke. Ein Ziel des Projekts ist es, solche charakteristischen Kombinationen \u2013 Sammlungen \u2013 zu identifizieren und zu erforschen. Derartige Sammlungskontexte k\u00f6nnen f\u00fcr die Editionsarbeit von gro\u00dfem Wert sein, zumal in solchen F\u00e4llen, in denen eine Gruppierung der handschriftlichen \u00dcberlieferung aufgrund eines Mangels an aussagekr\u00e4ftigen textkritischen Varianten (besonders bei kurzen St\u00fccken) sonst entweder gar nicht m\u00f6glich ist oder mehrdeutig bleibt. Zudem bieten Sammlungen eine Br\u00fccke zum besseren Verst\u00e4ndnis der Interessen des urspr\u00fcnglichen Schreibers bzw. Sammlers, mithin zu seiner Verortung, auch ganz handfest in Zeit und Raum.<\/p>\n<p>        Ein Beispiel f\u00fcr eine in mehreren Handschriften wiederkehrende Kombination von Kapitularien ist die in sieben Handschriften mit italienischem Bezug zu findende Abfolge der St\u00fccke <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-020a\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 20a<\/a>, <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-022\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">22<\/a>, <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-023\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">23<\/a> und <a title=\"zum Kapitular\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/pre814\/bk-nr-095\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">95<\/a>. Zwei dieser St\u00fccke sind sehr oft \u00fcberliefert (Capitulare Haristallense, Forma communis BK 20a von 779; Admonitio generalis BK 22 von 789; Glatthaar 2013a, S. 14), das dritte (Duplex capitulare missorum BK 23 von 789 [?]) ist immerhin noch in 16 Handschriften ganz oder teilweise erhalten und zudem schon aufgrund seiner Entstehungsumst\u00e4nde oft mit BK 22 verbunden. Aber das vierte St\u00fcck (Karoli Magni capitulare Italicum BK 95 von 787 [?]) ist schon nur mehr in 13 Exemplaren erhalten \u2013 davon aber siebenmal in Kombination mit den vorgenannten anderen drei Kapitularien, und zwar jeweils bei geringf\u00fcgigen Abweichungen stets in der gleichen Reihenfolge, wie die folgende \u00dcbersicht illustriert: <\/p>\n<div align=\"center\">\n            <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/SDM 2019.03 Reihenfolge.jpg\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/>\n        <\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb. Reihenfolge der in ausgew\u00e4hlten Handschriften mit italienischem Bezug enthaltenen Kapitularien (die Farbskala repr\u00e4sentiert das Alter der St\u00fccke von Blau nach Rot).<\/span><\/p>\n<p>        Die in dieser \u00dcbersicht auf den ersten Blick leicht abweichende Reihenfolge in der Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenchen-bsb-lat-19416\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">M\u00fcnchen lat. 19416<\/a> erkl\u00e4rt sich mit dem Einschub von Kapitel 8 von BK 93 in den Text (Mordek 1995, S. 358). \u00c4hnlich ist in den Handschriften aus <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/gotha-flb-memb-i-84\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Gotha<\/a> und <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/modena-bc-o-i-2\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Modena<\/a> ein Brief Karls des Gro\u00dfen (BK 97) vor BK 95 erg\u00e4nzt. In der Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenchen-bsb-lat-3853\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">M\u00fcnchen lat. 3853<\/a> wie in der eng verwandten Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/heiligenkreuz-sb-217\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Heiligenkreuz 217<\/a> schlie\u00dflich sind lediglich Ausz\u00fcge der vier Kapitularien enthalten. Am st\u00e4rksten gek\u00fcrzt wurde dabei BK 22, von dem lediglich noch ein Teil der Rubrik \u00fcbernommen ist. Der eigentliche Text des Kapitulars fehlt also, aber in der exzerpierten Vorlage hatte der Bearbeiter das St\u00fcck offenkundig noch zwischen BK 20a und BK 23 vor Augen gehabt.<\/p>\n<p>        Die sieben Handschriften lassen sich, nicht zuletzt anhand unterschiedlicher Kapitelz\u00e4hlungen bei den vier Kapitularien, in drei Gruppen aufteilen: Die erste besteht aus den beiden Handschriften aus Ivrea (Nr. <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/ivrea-bc-xxxiii\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">XXXIII<\/a> und <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/ivrea-bc-xxxiv\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">XXXIV<\/a>) sowie dem M\u00fcnchener Codex lat. 19416 (im Folgenden als Ivrea-Gruppe bezeichnet), die zweite aus den f\u00fcr die Rekonstruktion des sogenannten Liber Legum des Lupus wichtigen Handschriften Gotha Memb. I 84 und Modena O.I.2 (Lupus-Gruppe), die dritte schlie\u00dflich aus den stark exzerpierenden Codices von Heiligenkreuz und M\u00fcnchen (Heiligenkreuz-Gruppe). M\u00fcnsch identifiziert einen Kernbestand an Kapitularien, der in den meisten italienischen Sammlungen auftauche (M\u00fcnsch 2001, S. 116), den er aber nicht weiter auf kleinere Teilsammlungen wie die vorliegende hin differenziert. Auf diesen Kernbestand habe Lupus bei der Abfassung seines Liber Legum, wohl um die \u201eMitte der 30er Jahre\u201c des 9. Jahrhunderts (ebd., S. 69), zur\u00fcckgegriffen. <\/p>\n<p>        Tats\u00e4chlich weisen die Ivrea-Gruppe und die Lupus-Gruppe mehrfach Cluster auf, in denen sie einzelne Kapitularien in der jeweils gleichen Kombination bieten. Insgesamt unterscheiden sie sich jedoch so sehr hinsichtlich Bestand (Aufnahme oder Fehlen der Wormser Gesetzgebung von BK 191-193), Reihenfolge (Einordnung der gewichtigen St\u00fccke BK 39-40 bzw. BK 43-44) und Ordnung (das Doppelkapitular BK 23 als zwei separat gez\u00e4hlte Listen oder als eine durchg\u00e4ngig gez\u00e4hlte Liste), dass eine unmittelbare Benutzung, gleich in welche Richtung, unwahrscheinlich ist. Mordek folgend nimmt M\u00fcnsch an, dass die Heiligenkreuz-Gruppe zwar nicht direkt aus der Lupus-Gruppe abgeleitet, aber von dieser mittelbar \u201ebeeinflu\u00dft\u201c sei, n\u00e4mlich durch eine \u201eander[e] Redaktion\u201c (M\u00fcnsch 2001, S. 116 Anm. 110; Mordek 1995, S. 257). Nimmt man an, dass ein stark exzerpierender Sammler seine Auswahl entweder komplett inhaltlich umstrukturieren oder aber die vorgefundene Ordnung im Wesentlichen beibehalten wird, k\u00f6nnte z.B. die Aufspaltung von BK 94 in der Heiligenkreuz-Gruppe gegen deren Kompilation auf Basis der Lupus-Gruppe sprechen.<\/p>\n<p>        Bereits Mordek ging von der Existenz einer f\u00fcr die italienische Kapitularien\u00fcberlieferung insgesamt wichtigen Sammlung aus, deren \u201eMindestumfang\u201c (Mordek 1995, S. 677) in der urspr\u00fcnglich wohl bereits kurz nach 789 entstandenen Zusammenstellung der (sp\u00e4teren) Handschrift <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/st-gallen-sb-733\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">Sankt Gallen 733<\/a> greifbar sei. Dort finden sich zwar nur die St\u00fccke BK 20a, 22, 23, 89 (unikal!), 94 und 97, aber Mordek nahm an, dass in der (verlorenen) Sammlung selbst auch noch BK 39, 40, 95 und 98 enthalten waren, was aufgrund der Datierung von BK 39-40 eine Erweiterung des \u201eMindestumfangs\u201c ab 803 oder sp\u00e4ter voraussetzt. Ebenfalls aufgrund der Sankt Galler Handschrift sprach Zechiel-Eckes mit Bezug auf BK 22 von der Bodenseeregion als \u201e\u201aSprungbrett\u2018 nach Italien\u201c (in: Glatthaar 2013a, S. 98).<\/p>\n<p>        Folgendes Szenario sei daher in Erw\u00e4gung gezogen: Zwischen 789 und 800, mutma\u00dflich aber eher zu Beginn dieses Zeitraums, brachte ein frisch nach Italien entsandter Amtstr\u00e4ger seine eigene Grundausstattung der wichtigsten Kapitularien mit, n\u00e4mlich das Kapitular von Herstal in seiner fr\u00e4nkischen Fassung (BK 20a) und die gro\u00dfe Reformagenda der Admonitio generalis (BK 22) von 789 mitsamt zugeh\u00f6rigem Doppelkapitular (BK 23). In Italien angekommen, verschaffte er sich zudem das neueste verf\u00fcgbare Kapitular (BK 95) und erg\u00e4nzte es in seinem mitgebrachten Textdossier. Dieses kleine Kompendium verbreitete sich in der Folgezeit weiter und wurde als ein Textblock in verschiedene gr\u00f6\u00dfere Kapitulariensammlungen aufgenommen oder exzerpiert. <\/p>\n<p>        Ob diese \u00dcberlegungen zu einem in Italien zirkulierenden Textdossier letztlich belastbar sind, wird sich selbstverst\u00e4ndlich erst nach einer genaueren textkritischen Untersuchung im Rahmen der Neuedition der vier St\u00fccke erweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>S. Kaschke<\/em><\/p>\n<p>        <!-- Literaturangaben --><br \/>\n        <strong>Literatur:<\/strong><br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#de_Clercq_C_1936\">de Clercq C 1936<\/a>, S. 165-167<br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ganshof 1961\">Ganshof 1961<\/a>, S. 144<br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Manacorda_1968\">Manacorda 1968<\/a>, S. 61-77<br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Bougard_1995\">Bougard 1995<\/a>, S. 24-52<br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a><br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_2000b\">Mordek 2000b<\/a>, S. 40-43<br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#M\u00fcnsch_2001\">M\u00fcnsch 2001<\/a><br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_2005\">Mordek 2005<\/a><br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Glatthaar_2013a\">Glatthaar 2013a<\/a><br \/>\n        <a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Davis_2015\">Davis 2015<\/a>, S. 278-289<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Collection of the Month March 2019: An Italian collection of four capitularies (BK 20a\/22\/23\/95)<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/sammlung-des-monats-maerz-2019-eine-italienische-vier-kapitularien-sammlung-bk-20a-22-23-95\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitularien sind keine eigenbr\u00f6tlerischen Nomaden, sondern recht gesellige Wesen, die oft in der Gesellschaft anderer Texte zu finden sind; sei es weiterer Kapitularien, sei es sonstiger Rechtstexte, sei es auch ganz anderer Werke. Ein Ziel des Projekts ist es, solche charakteristischen Kombinationen \u2013 Sammlungen \u2013 zu identifizieren und zu erforschen. 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