{"id":23119,"date":"2018-06-01T08:51:00","date_gmt":"2018-06-01T06:51:00","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=23119"},"modified":"2018-06-04T14:51:39","modified_gmt":"2018-06-04T12:51:39","slug":"handschrift-des-monats-juni-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-juni-2018\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month June 2018: Paris, BnF, Lat. 4626"},"content":{"rendered":"<p>Die Rechtshandschriften des fr\u00fchen Mittelalters erinnern nicht selten an Matrjoschka-Puppen: Sie bestehen aus mehreren Einzelteilen und sind ineinander verschachtelt. Hubert Mordek hat in seiner Bibliotheca capitularium mehrfach auf dieses Ph\u00e4nomen hingewiesen. In den seltensten F\u00e4llen lassen sich die Bestandteile historischen Pers\u00f6nlichkeiten zuweisen. Die Pariser Handschrift der Biblioth\u00e8que Nationale 4626 ist ein solcher Fall. Sie wurde im fr\u00fchen 11. Jahrhundert geschrieben, wohl f\u00fcr die Dombibliothek des Bischofs von M\u00e2con in Burgund. Der Kern der Handschrift stammt aber noch aus der Zeit Karls des Gro\u00dfen und umfasst das fr\u00e4nkische Rechtsbuch Lex Salica sowie einige der wichtigsten Kapitularien Karls des Gro\u00dfen. Eine Rubrik erlaubt uns die Zuschreibung dieses Kerns an Bischof Jesse von Amiens, der zu den engen Vertrauten Karls z\u00e4hlte und f\u00fcr ihn Gesandtschaften nach Rom und nach Konstantinopel unternahm (Depreux 1997a S. 408 f.). Auf fol. 23v ist zu lesen: <em>EXCARPSV CAPLI. DOMNO IMPERATORE KAROLI QVEM IESSE EPISCOPUS EX ORDINATIONE IPSIUS AUGVSTI secum detulit omnibus hominibus notum faciendum<\/em>.<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM_2018-06_Paris-4626_S.43.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: Paris, BnF, Lat. 4626, <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b10721170t\/f30.item\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S. 43\/fol. 23v<\/a> (Ausschnitt). (\u00a9 GALLICA).<\/span><\/p>\n<p>Die Sammlung passt zu einem kirchlichen Amtstr\u00e4ger, weil sich darunter ein Kapitular befindet, das speziell an Bisch\u00f6fe adressiert ist (BK 43). Die zentrale Stellung der Lex Salica am Anfang der Handschrift entspricht der Tatsache, dass sich Amiens\u00a0im Geltungsgebiet des fr\u00e4nkischen Rechts befindet. Aufgrund der Textkritik k\u00f6nnen wir die Sammlung sogar noch pr\u00e4ziser einordnen und mit anderen Sammlungen in Beziehung setzen (Glatthaar 2013 S. 448; Ubl 2018 S. 69).<\/p>\n<p>Zu dieser \u00e4ltesten Schicht f\u00fcgte wohl noch Jesse von Amiens selbst die Aachener Gesetzgebung von 818\/819 an. Als Bischof nahm er alle Texte der Gesetzgebung Ludwigs des Frommen auf, auch das Capitulare ecclesiasticum, welches in Sammlungen weltlicher Amtstr\u00e4ger gew\u00f6hnlich fehlte. Diese Zusammenstellung entspricht sehr pr\u00e4zise den Intentionen Ludwigs des Frommen, der die Aachener Gesetzgebung als Fortschreibung des fr\u00e4nkischen Rechts und der Kapitularien Karls des Gro\u00dfen verstanden hat (Ubl 2017 S. 195-200). Genau diejenigen Kapitularien Karls, auf die Ludwig inhaltlich Bezug nimmt, sind in der Sammlung Jesses vorhanden. Dar\u00fcber hinaus findet sich in dieser Handschrift am Anfang der Aachener Gesetzgebung eine singul\u00e4re Rubrik, die sowohl eine Zuschreibung des Textes an Ludwig den Frommen als auch eine richtige Datierung auf das Jahr 818 enth\u00e4lt. Dies sind Informationen, die sonst selten mit\u00fcberliefert werden. Die gesetzgeberischen Intentionen des Kaisers sind in diesem Fall weitgehend bewahrt worden.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Anreicherung dieser Sammlung fand einige Jahrzehnte sp\u00e4ter statt. Jesse von Amiens hatte sich 830 an der Rebellion gegen den Kaiser beteiligt und starb 832 fern von seinem Bischofssitz im italienischen Exil (Patzold, \u00dcberlegungen, S. 159-169). Seine Sammlung geriet sp\u00e4ter in die H\u00e4nde von Jonas, einem Notar der k\u00f6niglichen Kanzlei von Ludwigs des Frommen Sohn Karl dem Kahlen (vgl. Fees, Drei Urkunden; Pez\u00e9 2017 S. 203 f.). Dieser Notar stieg 850 zum Bischof von Autun in Burgund auf und lie\u00df dort die Sammlung durch Gesetze Karls des Kahlen erg\u00e4nzen. Eines davon (BK 266) ist ausdr\u00fccklich an die K\u00f6nigsboten Bischof Jonas und Graf Isembart adressiert. Dass Bischof Jonas und nicht der Graf der Urheber der Sammlung ist, wird durch die folgende Ansprache \u00fcber die Verk\u00fcndigung des Gesetzes nahegelegt, die man eher einem kirchlichen Amtstr\u00e4ger zuschreiben wird (BK 267).<\/p>\n<p>Doch dies sind nicht die einzigen Erg\u00e4nzungen. Dar\u00fcber hinaus lie\u00df Bischof Jonas von Autun eine Kopie des r\u00f6mischen und burgundischen Rechts an das Ende der Sammlung anf\u00fcgen. Damit erhielt die Sammlung eine notwendige Erweiterung auf das regionale burgundische Gewohnheitsrecht sowie auf das r\u00f6mische Recht, das im S\u00fcden Galliens noch weitgehend praktiziert wurde. Dies ist insofern bedeutsam, als die Aachener Gesetzgebung Ludwigs des Frommen sonst in der \u00dcberlieferung keine enge Verbindung mit dem r\u00f6mischen Recht eingegangen ist. Auch inhaltlich gibt es kaum Ber\u00fchrungspunkte zwischen den Normierungen Ludwigs des Frommen und dem r\u00f6mischen Recht. In der Sammlung des Jonas von Autun wird somit der Aachener Gesetzgebung eine neue Bedeutung verliehen.<\/p>\n<p>Auf welchen Wegen diese Sammlung in das benachbarte M\u00e2con kam und dort im 11. Jahrhundert abgeschrieben wurde, ist nicht bekannt. Bereits in der Vorlage der Handschrift muss dem Kopisten ein Fehler unterlaufen sein, wodurch die Abfolge der Lagen durcheinander geraten ist. Das Isidor-Exzerpt de legibus ist dadurch in zwei Teile zerrissen worden (fol. 25r in der Sammlung Jesses und fol. 47v-50v in der Sammlung Jonas\u2018). Vielleicht waren das Exzerpt sowie die vorgeschaltete Recapitulatio solidorum urspr\u00fcnglich Teil der um die Lex Salica gruppierten Kompilation, wie der Vergleich mit anderen Sammlungen aus der Zeit Karls des Gro\u00dfen nahelegt. Eine Umgestaltung fand in M\u00e2con nicht mehr statt, aber man wird davon ausgehen k\u00f6nnen, dass in der ver\u00e4nderten politischen Situation des 11. Jahrhunderts im Frankreich der Kapetinger die Texte wiederum eine neue Bedeutung angenommen haben d\u00fcrften.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>K. Ubl<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4626\/\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Fees, Irmgard, Drei Urkunden des Bischofs Jonas von Autun und die (angebliche) Synode von Saints-Geosmes, in: <span class=\"no-glue-after\"><span class=\"tei-title tei-title-main tei-title-level-j\">Deutsches Archiv f\u00fcr Erforschung des Mittelalters<\/span><\/span> 51 (1995) S. 375-403<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Depreux_1997a\">Depreux 1997a<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Glatthaar_2013\">Glatthaar 2013<\/a><br \/>\nPatzold, Steffen, \u00dcberlegungen zum Anlass f\u00fcr die F\u00e4lschung fr\u00fcher Papstbriefe im Kloster Corbie, in: Karl Ubl \/ Daniel Ziemann (Hg.), F\u00e4lschung als Mittel der Politik? Pseudoisidor im Licht der neuen Forschung (MGH Studien und Texte 57), Wiesbaden 2015, S. 153-172<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Pez\u00e9_2017\">Pez\u00e9 2017<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ubl_2017\">Ubl 2017<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ubl_2018\">Ubl 2018<\/a><\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Karl Ubl<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month June 2018: Paris, BnF, Lat. 4626<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-juni-2018\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rechtshandschriften des fr\u00fchen Mittelalters erinnern nicht selten an Matrjoschka-Puppen: Sie bestehen aus mehreren Einzelteilen und sind ineinander verschachtelt. Hubert Mordek hat in seiner Bibliotheca capitularium mehrfach auf dieses Ph\u00e4nomen hingewiesen. In den seltensten F\u00e4llen lassen sich die Bestandteile historischen Pers\u00f6nlichkeiten zuweisen. Die Pariser Handschrift der Biblioth\u00e8que Nationale 4626 ist ein solcher Fall. 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