{"id":22438,"date":"2018-03-01T09:07:47","date_gmt":"2018-03-01T08:07:47","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=22438"},"modified":"2018-03-01T09:07:25","modified_gmt":"2018-03-01T08:07:25","slug":"kapitular-des-monats-bk-140","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/kapitular-des-monats-bk-140\/","title":{"rendered":"Capitulary of the Month March 2018: &#8220;Capitula per se scribenda&#8221; (BK 140)"},"content":{"rendered":"<p>Der Editor Alfred Boretius taufte das <a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-140\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kapitular Nr. 140<\/a> auf den Namen \u201eCapitula per se scribenda\u201c. Im Gegensatz zu anderen Namensgebungen, mit denen Boretius die Forschung in die Irre geleitet hat (Depreux 2014), beruht dieser Titel auf handschriftlicher Grundlage. In der besten \u00dcberlieferung (<a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-2718\/\" target=\"blank_\">Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, Lat. 2718<\/a>) lautet die Rubrik von Nr. 140: <em>ITEM INCIPIUNT ALIA CAPITULA, QUAE PER SE SCRIBENDA ET AB OMNIBUS OBSERVANDA SUNT<\/em>. (\u201eEbenso beginnen andere Kapitel, die um ihrer selbst willen aufzuschreiben und von allen einzuhalten sind\u201c.)<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/paris-bn-lat-2718_fol.108r.png\" alt=\"\" width=\"843\" height=\"65\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Abb.: Paris, BN, Lat. 2718, <a title=\"Gallica\" href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/btv1b105000058\/f225.image\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fol. 108r<\/a>: BK 140, Rubrik (\u00a9 gallica.bnf.fr).<\/span><\/p>\n<p>Das Kapitular ist Bestandteil der gro\u00dfen Gesetzgebungsinitiative Kaiser Ludwigs des Frommen von 818\/819, die neben dem Kapitular Nr. 140 drei weitere Texte umfasst: einen Prolog (<a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-137\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BK 137<\/a>), ein kirchliches Kapitular (Capitulare ecclesiasticum, <a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-138\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BK 138<\/a>), ein Erg\u00e4nzungskapitular zu den Leges (Capitula legibus addenda, <a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-139\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BK 139<\/a>) und ein an die K\u00f6nigsboten adressiertes Kapitular (Capitula missorum, <a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-141\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BK 141<\/a>). Diese systematische Aufteilung der Gesetzgebung auf vier verschiedene Texte hat Alfred Boretius in seiner wegweisenden Studie von 1874 dazu veranlasst, drei verschiedene Typen der Kapitularien zu unterscheiden: die Capitula legibus addenda, die Capitula missorum und die Capitula per se scribenda (Boretius 1874). Das kirchliche Kapitular fiel dabei interessanterweise unter den Tisch.<\/p>\n<p>Boretius gab dieser Typologie eine h\u00f6here Bedeutung, indem er eine je unterschiedliche Rechtsgeltung und einen je unterschiedlichen Geltungsgrund f\u00fcr diese Texttypen annahm. Die Capitula per se scribenda unterscheiden sich nach Boretius von den anderen Erlassen dadurch, dass sie nicht wie die Capitula missorum an die K\u00f6nigsboten adressiert waren und nicht wie die Capitula legibus addenda Eingriffe in das Volksrecht vornahmen. Zudem betreffen sie nach Boretius allein das K\u00f6nigsrecht bzw. die F\u00fcrsorge f\u00fcr das Gemeinwesen und seien daher ohne Zustimmung der Reichsversammlung verabschiedet worden.<\/p>\n<p>Schon bald nach Boretius wurde diese Typologie von Gerhard Seeliger (Seeliger 1893) und Simon Stein (Stein 1926) in Zweifel gezogen. Wie Seeliger und Stein feststellten, begegnet die Formulierung <em>per se scribenda<\/em> allein in dem Kapitular Nr. 140 und taugt daher nicht f\u00fcr eine Verallgemeinerung. Zudem machten sie darauf aufmerksam, dass das Kapitular Nr. 140 nicht vom K\u00f6nig alleine, sondern von der Aachener Reichsversammlung im Winter 818\/819 verabschiedet wurde. Schlie\u00dflich fiel den Kritikern auch auf, dass der Inhalt von Nr. 140 nicht allein das \u201eK\u00f6nigsrecht\u201c, sondern in c. 1 auch ein allgemeines Problem wie die Flucht von Unfreien in fremden Grundbesitz ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ungeachtet dieser gerechtfertigten Kritik von Seeliger und Stein \u00fcbernahm Ganshof die Typologie von Boretius in sein vielzitiertes \u00dcberblickswerk (Ganshof 1961, S. 28-31). Sie geistert daher immer noch durch die Forschungsliteratur.<\/p>\n<p>Wenn die Typologie von Boretius nicht haltbar ist, stellt sich aber eine andere Frage: Was verbindet die acht Kapitel von Nr. 140 bzw. warum lie\u00df Ludwig der Fromme sie gesondert in einem Kapitular bekanntmachen? Auf diese Frage hat unl\u00e4ngst Christina P\u00f6ssel eine Antwort gegeben (P\u00f6ssel 2006, S. 260-262). Ausgehend von den Rubriken der Kapitularien von 818\/819 erschlie\u00dft P\u00f6ssel, dass Nr. 138 an die Bisch\u00f6fe und Kleriker, Nr. 139 an die Grafen und Missi und Nr. 140 an \u201ealle\u201c (<em>omnes<\/em>) adressiert gewesen sei. Diese Deutung kann meines Erachtens jedoch ebenso wenig \u00fcberzeugen. Erstens ist Nr. 140 immer gemeinsam mit Nr. 139 und meist auch mit Nr. 141 \u00fcberliefert und sollte daher ganz offensichtlich von derselben Gruppe von k\u00f6niglichen Amtstr\u00e4gern bekannt gemacht werden. Zweitens verlangen auch die Rubriken von Nr. 138 und Nr. 139, dass der Inhalt der Kapitel durch die Bisch\u00f6fe bzw. Grafen und Missi \u201eallen\u201c zur Kenntnis gebracht werden soll. Drittens sind mit Ausnahme von c. 1 alle Kapitel von Nr. 140 an die Verwalter des k\u00f6niglichen Fiskalguts gerichtet (explizit nennt c. 6 den <em>actor<\/em>, c. 8 den <em>missus<\/em> als Adressaten) und haben daher einen viel engeren Horizont als die allgemeinen Bestimmungen von Nr. 139.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Deutung liegt also nicht im zweiten Teil der Rubrik (<em>ab omnibus oberservanda<\/em>). L\u00e4sst sich aus dem ersten Teil (<em>per se scribenda<\/em>) eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Trennung in zwei Kapitellisten gewinnen? Daf\u00fcr m\u00fcsste feststehen, was der Aussteller des Textes mit der Formulierung <em>per se scribenda<\/em> gemeint haben k\u00f6nnte. Schon einige Abschreiber des Textes aus dem 9. und 10. Jahrhundert hatten aber mit diesen Worten offenbar Probleme. Der Schreiber von <a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/london-bl-egerton-269\/\" target=\"blank_\">London, British Library, Egerton 269<\/a> hat die Rubrik ganz weggelassen. Drei Handschriften verk\u00fcrzten die Rubrik auf <em>ITEM ALIA CAPITULA<\/em> (<a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4995\/\" target=\"blank_\">Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, Lat. 4995<\/a>; <a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/selestat-bh-14\/\" target=\"blank_\">S\u00e9lestat, Biblioth\u00e8que Humaniste, 14<\/a>; <a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/wolfenbuettel-hab-blankenb-130\/\" target=\"blank_\">Wolfenb\u00fcttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 130 Blank.<\/a>). Zwei Schreiber lie\u00dfen das Pronomen <em>SE<\/em> weg, wodurch das Wort <em>PERSCRIBENDA<\/em> entstand, welches der Rubrik einen neuen Sinn verlieh (<a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/gotha-flb-memb-i-84\/\" target=\"blank_\">Gotha, Forschungsbibliothek, Memb. I 84<\/a>; <a title=\"Zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4280a\/\" target=\"blank_\">Paris, Biblioth\u00e8que Nationale, Lat. 4280 A<\/a>): \u201eEbenso beginnen andere Kapitel, die genau aufzuschreiben und von allen einzuhalten sind\u201c.<\/p>\n<p>Wie ist also <em>per se scribenda<\/em> zu verstehen? Auszuschlie\u00dfen ist wohl der Vorschlag von Simon Stein: \u201emit besonderer Sorgfalt aufzuschreiben\u201c (Stein 1926, S. 300). Ganshof sprach sich f\u00fcr die \u00dcbersetzung \u201emit eigenem Daseinszweck aufzuschreiben\u201c (Ganshof 1961, S. 28) aus. M\u00f6glich ist auch die neutrale \u00dcbersetzung \u201egesondert\u201c oder \u201eum ihrer selbst willen aufzuschreiben\u201c (Thesaurus linguae latinae 10, 1, S. 1159-1162).<\/p>\n<p>N\u00e4her kommen wir vielleicht der Bedeutung, wenn wir den Prolog zur Gesetzgebung von 818\/819 heranziehen, wo das Kapitular Nr. 140 gemeinsam mit dem Kapitular Nr. 139 angek\u00fcndigt wird: Ludwig habe schriftlich aufzeichnen lassen, \u201ewas den weltlichen Rechtsb\u00fcchern anzuf\u00fcgen und was auch in den Kapiteln einzuf\u00fcgen sei\u201c (<em>quid etiam in legibus mundanis addenda, quid quoque in capitulis inserenda forent, adnotaverimus<\/em>). Mit dieser Formulierung wird offenbar der Absicht Ausdruck verliehen, dass Nr. 139 den Leges und Nr. 140 den Kapitularien angef\u00fcgt werden sollte. Nr. 140 scheint somit als eine Erg\u00e4nzung zum bereits bestehenden Kapitularienrecht gedacht gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund w\u00fcrde sich erkl\u00e4ren, warum der Text in c. 1 mit einer Bestimmung zum R\u00fcckkaufpreis f\u00fcr entflohene Sklaven (<em>forcapium<\/em>) anf\u00e4ngt, der inhaltlich genauso gut in das Erg\u00e4nzungskapitular zu den Leges (Nr. 139) hineingepasst h\u00e4tte. Der Begriff <em>forcapium<\/em> begegnet allein in einem Kapitular Karls des Gro\u00dfen, nicht in den Leges. Die folgenden Regelungen des Kapitulars Nr. 140 nehmen ebenfalls auf bereits erlassene Kapitularien Bezug und ber\u00fchren verschiedene Formen von abgabepflichtigem Landbesitz sowie den speziellen Fall der Abgabe des Neunt und Zehnt bei kirchlichen Benefizien aus K\u00f6nigshand. Die letzten drei Bestimmungen widmen sich Themen, die besonders f\u00fcr k\u00f6nigliche Amtstr\u00e4ger bzw. Verwalter von K\u00f6nigsgut von Interesse waren.<\/p>\n<p>Daraus scheint zu folgen, dass Nr. 139 als Erg\u00e4nzung der Leges und Nr. 140 als Erg\u00e4nzung der Kapitularien gedacht war. Aber auch diese Deutung kann nicht ganz \u00fcberzeugen, weil einige Bestimmungen von Nr. 139 gar nicht die Rechtsmaterien der Leges, sondern Regelungen von Kapitularien Karls des Gro\u00dfen aufgreifen (c. 3, c. 16-17, c. 20). Schlie\u00dflich ist auch zu ber\u00fccksichtigen, dass beide Texte in Nr. 141 nebeneinandergestellt und gemeinsam den Missi als Gedankenst\u00fctze ihres Legationsauftrags ausgeh\u00e4ndigt wurden.<\/p>\n<p>Es sollte daher auch eine dritte M\u00f6glichkeit erwogen werden: dass man sich die Trennung in zwei Kapitellisten als das zuf\u00e4llige Ergebnis der internen Beratungen auf der Aachener Reichsversammlung im Winter 818\/819 vorzustellen hat. Der eine Text (Nr. 139) wurde vielleicht schon von l\u00e4ngerer Hand und in Reaktion auf die Beschl\u00fcsse der vorangegangenen Bischofssynode vorbereitet; der andere Text (Nr. 140) ergab sich m\u00f6glicherweise aus weitergehenden Beratungen \u00fcber spezielle Rechtsfragen, die vor allem die Verwaltung von K\u00f6nigsgut betrafen. Eine Rechtstheorie, wie sie Boretius postulierte, liegt dann der Trennung in zwei Kapitellisten gar nicht zugrunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right; font-style: italic;\">K. Ubl<\/p>\n<hr \/>\n<p><a title=\"Zur Kapitularienseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-140\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur \u00dcbersichtsseite mit weiteren Informationen zum Kapitular<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Boretius_1874\">Boretius 1874<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Depreux_2014\">Depreux 2014<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Ganshof_1961\">Ganshof 1961<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#P\u00f6ssel_2006\">P\u00f6ssel 2006<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Seeliger_1893\">Seeliger 1893<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Stein_1926\">Stein 1926<\/a><\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">Karl Ubl<\/author>,\n           <span class=\"title\">Capitulary of the Month March 2018: &#8220;Capitula per se scribenda&#8221; (BK 140)<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/kapitular-des-monats-bk-140\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Editor Alfred Boretius taufte das Kapitular Nr. 140 auf den Namen \u201eCapitula per se scribenda\u201c. Im Gegensatz zu anderen Namensgebungen, mit denen Boretius die Forschung in die Irre geleitet hat (Depreux 2014), beruht dieser Titel auf handschriftlicher Grundlage. 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