{"id":16036,"date":"2017-06-01T09:38:09","date_gmt":"2017-06-01T07:38:09","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=16036"},"modified":"2017-09-14T10:19:38","modified_gmt":"2017-09-14T08:19:38","slug":"handschrift-des-monats-juni-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-juni-2017\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month June 2017: Berlin, SBPK, Phill. 1737"},"content":{"rendered":"<p>Auch mittelalterliche Kopisten waren nur Menschen und insofern der gelegentlichen Erleichterung ihrer Arbeit nicht abgeneigt. So auch im Falle der Schreiber eines unbekannten ostfranz\u00f6sischen Skriptoriums im 10. Jahrhundert, die mit der Aufgabe konfrontiert waren, eine Kopie der erweiterten Kapitulariensammlung des Ansegis anzufertigen: Anstatt ihre Vorlage \u2013 eine Handschrift, wie sie \u00e4hnlich auch dem Fuldaer Schreiber des Codex <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/hamburg-sub-141-a\/\" target=\"blank_\">Hamburg, Staats- und Universit\u00e4tsbibliothek, Cod. 141 a in scrinio<\/a> vorgelegen haben d\u00fcrfte \u2013 brav von Anfang bis Ende abzuschreiben, erinnerte sich einer der Beteiligten offenbar daran, dass es im Bestand ihres Skriptoriums ein erst kurz zuvor angefertigtes Heftchen von drei Lagen mit den Kapitularien BK 138-141 gab. Konnte man nicht, da alle diese vier Kapitularien Ludwigs des Frommen auch in der Ansegis-Sammlung enthalten waren, dieses Heftchen aufl\u00f6sen und seine 16 Bl\u00e4tter f\u00fcr die neue Ansegis-Kopie verwenden? Daf\u00fcr mussten zwar die alten Kapitularientitel beseitigt, die Kapitelz\u00e4hlung angepasst sowie Rubriken aus Ansegis erg\u00e4nzt werden. Aber auf diese Weise lie\u00df sich immerhin gut ein Viertel der Schreibarbeit einsparen \u2013 und dass, ohne den Textbestand der eigenen Bibliothek dadurch effektiv zu verringern.<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2017.06 Berlin 1737 fol. 1r (neue Rubrik).png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb. Berlin, SB, Phill. 1737, <a title=\"zum Digitalisat\" href=\"http:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN689609388&amp;PHYSID=PHYS_0007&amp;DMDID=DMDLOG_0001\" target=\"blank_\">fol. 1r<\/a>: Durchgestrichener Titel von BK 138 und erg\u00e4nzte Kapitelrubrik als nunmehr Ansegis 1, c. 77 (\u00a9Staatsbibliothek zu Berlin &#8211; PK).<\/span><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wurde der Plan so ausgef\u00fchrt, auch wenn die daraus resultierende heutige Gestalt des Codex <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/berlin-sb-phill-1737\/\" target=\"blank_\">Berlin, Staatsbibliothek, Phill. 1737 <\/a>das Ergebnis nicht mehr genau wiedergibt. Denn zwischenzeitlich ging der Beginn der Ansegis-Sammlung bis zum Einsetzen des ersten der vier \u201ealten\u201c Kapitularien, BK 138, verloren und zudem wurde die fremde Lage einer \u00e4lteren Cassiodor-Handschrift des 9. Jahrhunderts als fol. 38-43 vor den Beginn der Appendices zu Ansegis eingeheftet. Immerhin l\u00e4sst sich noch gut erkennen, wo der Text von BK 141 auf der Recto-Seite des letzten Blatts (heute fol. 37) des urspr\u00fcnglichen Heftchens endete und die neuen Schreiber daran den Schluss des vierten Buchs der Ansegis-Sammlung anf\u00fcgten.<\/p>\n<div align=\"center\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2017.06 Berlin 1737 fol. 37r.png\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb. Berlin, SB, Phill. 1737, <a title=\"zum Digitalisat\" href=\"http:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN689609388&amp;PHYSID=PHYS_0079&amp;DMDID=DMDLOG_0001\" target=\"blank_\">fol. 37r<\/a>: \u00dcbergang von BK 141 zu Ansegis 4, c. 71 [hier irrig LXXXI statt LXXI] (\u00a9Staatsbibliothek zu Berlin &#8211; PK).<\/span><\/p>\n<p>Gerhard Schmitz hat bereits die gro\u00dfe N\u00e4he der im Berliner Codex gebotenen Ansegis-Fassung zu jener des Hamburger Codex dargelegt (Schmitz G 1996, S. 198f.). Dieser Befund wurde j\u00fcngst von Steffen Patzold f\u00fcr die in beiden Handschriften der Ansegis-Sammlung als Erweiterung angeschlossenen sogenannten \u201eWormser Kapitularien\u201c (BK 191-193 und 188) best\u00e4tigt: Diese Kapitularien liegen hier jeweils in einer besonderen Gestalt vor, die noch im Fr\u00fchjahr 829 wohl in Aachen entstand, bevor die jeweiligen Texte im Sommer in Worms revidiert und in ihre endg\u00fcltige Form gebracht wurden (Patzold 2014).<\/p>\n<p>Auch hinsichtlich des wiederverwendeten Heftchens mit den vier fr\u00fcheren Kapitularien lassen sich nun erste Verbindungslinien zu anderen Handschriften ziehen. Denn von den 43 Handschriften, in denen sich mindestens eines der vier St\u00fccke erhalten hat, bieten nur f\u00fcnf alle St\u00fccke zusammen und in der Reihenfolge BK 138 &#8211; 139 &#8211; 140 &#8211; 141. In zweien dieser Handschriften stellen die vier St\u00fccke jeweils die einzigen enthaltenen Kapitularien \u00fcberhaupt dar, in den beiden anderen sind sie zumindest nicht von weiteren St\u00fccken Ludwigs des Frommen umgeben. Dies macht es wahrscheinlich, dass sie den Schreibern des Berliner Codex tats\u00e4chlich in Form eines eigenen Heftchens, mindestens aber als isolierter Textblock vorgelegen haben d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Neben dem Berliner Codex handelt es sich bei diesen f\u00fcnf Handschriften um einen Codex aus Montpellier (<a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/montpellier-biu-h-136\/\" target=\"blank_\">Biblioth\u00e8que Interuniversitaire (Section M\u00e9decine), H 136<\/a>) sowie um drei heute in der Biblioth\u00e8que Nationale in Paris befindliche Codices (<a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4280a\/\" target=\"blank_\">Lat. 4280a<\/a>, <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-4626\/\" target=\"blank_\">Lat. 4626<\/a>, <a title=\"zur Handschriftenseite\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/paris-bn-lat-18238\/\" target=\"blank_\">Lat. 18238<\/a>). Bei der Editionsarbeit haben sich zumindest f\u00fcr BK 139 bereits Indizien ergeben, wonach der Berliner Codex eine direkte Abschrift des Codex Paris Lat. 18238 sein k\u00f6nnte. Beim gleichen St\u00fcck gibt es ferner Indizien f\u00fcr eine Gruppe von sechs Handschriften, die auch drei der hier betrachteten Codices einschlie\u00dft, n\u00e4mlich Montpellier 136 sowie Paris Lat. 4626 und Lat. 4280a. Ob alle Kapitularien derartige Verbindungen aufweisen und sich die F\u00fcnfergruppe damit als eigene kleine Sammlung in der \u00dcberlieferung der Kapitularien Ludwigs des Frommen best\u00e4tigen l\u00e4sst, wird sich im weiteren Verlauf des Editionsprojekts noch zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>S. Kaschke<\/em><\/p>\n<p><!-- Verlinkung zur Handschriftenseite --><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/berlin-sb-phill-1737\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><!-- Literaturangaben --><br \/>\n<strong>Literatur:<\/strong><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Rose_1893\">Rose 1893<\/a>, Nr. 162, S. 354-357<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Christ_1937\">Christ 1937<\/a>, S. 305-307<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_1991\">Schmitz G 1991<\/a>, S. 89f.<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 50-55, 617<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Schmitz_G_1996\">Schmitz G 1996<\/a>, S. 81-83, 197-199<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Patzold_2014\">Patzold 2014<\/a>, S. 71-79<\/p>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month June 2017: Berlin, SBPK, Phill. 1737<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-juni-2017\/ (accessed on 05\/05\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch mittelalterliche Kopisten waren nur Menschen und insofern der gelegentlichen Erleichterung ihrer Arbeit nicht abgeneigt. So auch im Falle der Schreiber eines unbekannten ostfranz\u00f6sischen Skriptoriums im 10. 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