{"id":15299,"date":"2017-01-01T17:27:05","date_gmt":"2017-01-01T16:27:05","guid":{"rendered":"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/?p=15299"},"modified":"2025-03-21T16:00:04","modified_gmt":"2025-03-21T15:00:04","slug":"handschrift-des-monats-januar-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-januar-2017\/","title":{"rendered":"Manuscript of the Month January 2017: M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201"},"content":{"rendered":"<div align=\"justify\">\n<p>\u201eAllem Anfang wohnen Kapitularien inne\u201c &#8211; Betrachtet man die in der Handschrift <a title=\"Zur Handschrift\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenster-sa-msc-vii-5201\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201<\/a> versammelten Texte, lie\u00dfe sich ein solcher Eindruck leicht gewinnen, zumindest in Bezug auf die Neugr\u00fcndung von Kl\u00f6stern in Sachsen nach dessen Einverleibung in das Frankenreich.<br \/>\nDie Handschrift selbst ist mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz nach 945 in Corvey entstanden. Darauf jedenfalls deutet ihr dritter Teil (p. 271-324) hin, der Abschriften von 24 Herrscherurkunden aus der Zeit von 823 bis 945 versammelt, die mit einer Ausnahme jeweils f\u00fcr das Kloster Corvey ausgestellt wurden.<br \/>\nWeniger aussagekr\u00e4ftig f\u00fcr die weiteren Entstehungsumst\u00e4nde ist der mittlere Teil (p. 61-270). Hier finden sich verschiedenste Texte zu geistlichen Belangen: Bu\u00dfb\u00fccher, Material aus dem Komplex der pseudoisidorischen F\u00e4lschungen, Briefe des sp\u00e4teren Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus sowie Ausz\u00fcge von Konzilsbeschl\u00fcssen, m\u00f6glicherweise einer Mainzer Sammlung entnommen, die Synoden zwischen 813 und 895 exzerpiert hatte.<br \/>\nBesonderes Interesse verdient nun der erste Teil der Handschrift (p. 5-60). Unter dessen sechs Rechtstexten befinden sich einerseits drei weit verbreitete Kapitularien Ludwigs des Frommen aus den Jahren 818\/819 (BK 139-141), andererseits die nur hier \u00fcberlieferte Lex Thuringorum (ca. 802\/803), die lediglich in einer weiteren Handschrift \u00fcberlieferte Lex Saxonum (ca. 802\/803) sowie das gleichfalls nur in einer weiteren Handschrift \u00fcberlieferte Capitulare Saxonicum Karls des Gro\u00dfen von 797 (BK 27).<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2017.01 M\u00fcnster p. 5 Titel Lex Sax.png\" alt=\"\" width=\"588\" height=\"215\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201, p. 5: \u201eEs beginnt das Rechtsbuch der Sachsen\u201c &#8211; \u201eINCIPIT LIBER <strong>LEGIS SAXONVM<\/strong>\u201c (\u00a9Landesarchiv NRW)<\/span><\/p>\n<p>Deutlich zeigt sich ein inhaltlicher Schwerpunkt auf Sachsen, was bei einer im s\u00e4chsischen Corvey entstandenen Handschrift nat\u00fcrlich zun\u00e4chst nicht verwundert. Die geographische Lage des Klosters nahe dem s\u00e4chsisch-th\u00fcringischen Grenzraum erkl\u00e4rt wohl auch das Interesse an dem Recht der Th\u00fcringer, und nicht nur an dem der drei s\u00e4chsischen Kerngebiete.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2017.01 M\u00fcnster p. 28 BK 27 (Sachsen).png\" alt=\"\" width=\"588\" height=\"285\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201, p. 28 (BK 27, Prolog): \u201esimulque congregatis <strong>saxonibus de diuersis pagis \/ tam de uuesterfalis et angariis quam de \/ osterfalis<\/strong> omnes unianimiter consen\/serunt\u201c &#8211; \u201eebenso stimmten die Sachsen einm\u00fctig zu, die zusammengestr\u00f6mt waren aus den verschiedenen Gauen, sowohl von Westfalen und Engern wie von Ostfalen\u201c (\u00a9Landesarchiv NRW)<\/span><\/p>\n<p>Was jedoch zu denken gibt, ist die Beobachtung, dass im Gegensatz zu den beiden anderen Teilen der Handschrift hier kein Text enthalten ist, der nach 819 entstanden ist. Es hat somit den Eindruck, als habe sich hier ein bereits um 820 zusammengestelltes Dossier an Rechtstexten erhalten, das die um 945 arbeitenden Schreiber der Handschrift schlicht in G\u00e4nze kopierten. Ein m\u00f6glicher Anlass f\u00fcr diese Zusammenstellung ist schnell gefunden &#8211; die Gr\u00fcndung des Klosters Corvey im Jahre 822.<br \/>\nDenn wer wenn nicht ein s\u00e4chsischer Empf\u00e4nger konnte um diese Zeit Bedarf daran haben, eine Zusammenstellung des j\u00fcngsten speziell f\u00fcr Sachsen erlassenen Kapitulars sowie der Volksrechte von Sachsen und Th\u00fcringern zu erhalten? Wer wenn nicht eine neubegr\u00fcndete Institution ohne \u00e4ltere Bibliothek konnte als Erstausstattung f\u00fcr Rechtsfragen zun\u00e4chst die neueste, umfangreiche Kapitulariengesetzgebung von 818\/819 brauchen? Und wer wenn nicht ein Kloster w\u00fcrde dabei am ehesten auf das erste gr\u00f6\u00dfere St\u00fcck dieser Gesetzgebung von 818\/819, das vor allem Bestimmungen zur bisch\u00f6flichen Amtsf\u00fchrung enthaltende <a title=\"zur Kapitularienseite\" href=\"\/\/capitularia.uni-koeln.de\/capit\/ldf\/bk-nr-138\/\" target=\"blank_\" rel=\"noopener noreferrer\">BK 138<\/a>, verzichten?<br \/>\nEin R\u00e4tsel der Handschrift muss jedoch vorerst weiter ungel\u00f6st bleiben. In der \u00dcberschrift zu BK 141, dem letzten Kapitular des Dossiers, sind die Namen zweier Personen erw\u00e4hnt: Albuin und Wigbald. Bei ihnen d\u00fcrfte es sich um die beiden Missi handeln, f\u00fcr deren Amtsbezirk das Exemplar, welches hier als Kopiervorlage gedient hat, urspr\u00fcnglich bestimmt war. <\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/cap\/publ\/material\/MOM 2017.01 M\u00fcnster p. 53 missi.png\" alt=\"\" width=\"588\" height=\"107\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: x-small\">Abb.: M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201, p. 53 (Rubrik zu BK 141): \u201eH\u0118C SVNT CAPITVLA PRECIPVE AD LEGATIONEM \/ MISSORVM PERTINENTIA OB MEMORI\u0118 CAVSAM DE QVIBVS AGERE DEBENT \/ <strong>ALBVVIN ET \u00b7 ET VVICBALD<\/strong>\u201c &#8211; \u201eDies sind die Kapitel inbesondere die Gesandtschaft der Missi betreffend, zur Erinnerung, womit sie sich befassen sollen Albuin und und Wigbald\u201c (\u00a9Landesarchiv NRW)<\/span><\/p>\n<p>Albuin und Wigbald werden wohl kaum die f\u00fcr Corvey zust\u00e4ndigen Missi gewesen sein, denn Corvey war zum Zeitpunkt der urspr\u00fcnglichen Abfassung und Verbreitung der betreffenden Kapitularien ja noch gar nicht gegr\u00fcndet. Da in einem am Hof aufbewahrten Exemplar wiederum kaum die Namen der Missi f\u00fcr eine einzelne Region eingetragen gewesen sein d\u00fcrften, lie\u00dfe sich vorsichtig vermuten, es k\u00f6nnte sich um die f\u00fcr Corbie zust\u00e4ndigen Missi handeln, war die Gr\u00fcndung Corveys doch ma\u00dfgeblich von Abt Adalhard von Corbie betrieben und die neue Bibliothek in Corvey dementsprechend u.a. mit Buchgeschenken aus Corbie ausgestattet worden.<br \/>\nEine eindeutige Identifizierung ist bislang jedoch nicht m\u00f6glich. Weder ein zu 825 belegter Abt Albuin von St. Calais, noch der in einem Diplom Ludwigs des Frommen erw\u00e4hnte Wigbald, Graf im Werngau, noch ein 842 in der Bertoldsbaar amtierender Graf Alboin, noch der lediglich als \u201eAlbuinus abbas\u201c bezeichnete Teilnehmer des gro\u00dfen Reformkonzils in Mainz 829 &#8211; der weder mit dem Abt von St. Calais noch mit dem zuletzt 784 erw\u00e4hnten Abt von Mattsee identisch sein d\u00fcrfte &#8211; k\u00f6nnen als \u00dcberbringer des \u201eStarterpakets\u201c f\u00fcr Corvey so recht wahrscheinlich gemacht &#8211; aber eben auch nicht zwingend ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;font-style: italic\">S. Kaschke<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/mss\/muenster-sa-msc-vii-5201\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zur Handschriftenseite<\/a> (Beschreibung nach Mordek und Transkription)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Werminghoff_1908\">Werminghoff 1908<\/a>, S. 604<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Theuerkauf_1968\">Theuerkauf 1968<\/a>, S. 67-86<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Mordek_1995\">Mordek 1995<\/a>, S. 378-386<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Warnecke_1999\">Warnecke 1999<\/a><br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Bigott_2002\">Bigott 2002<\/a>, S. 27-28<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#Glansdorff_2011\">Glansdorff 2011<\/a>, S. 70-71, 159<br \/>\n<a title=\"Zur Bibliographie\" href=\"http:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/resources\/biblio#K\u00f6lzer_2016\">K\u00f6lzer 2016<\/a>, S. 538, 600<\/p>\n<\/div>\n       <div class=\"cite_as\">\n         <h5>How to cite<\/h5>\n         <div>\n           <span class=\"author\">S\u00f6ren Kaschke<\/author>,\n           <span class=\"title\">Manuscript of the Month January 2017: M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201<\/title>,\n           in: Capitularia. Edition of the Frankish Capitularies, ed. by\n           Karl Ubl and collaborators, Cologne 2014 ff.\n           \n           URL: https:\/\/capitularia.uni-koeln.de\/en\/blog\/handschrift-des-monats-januar-2017\/ (accessed on 04\/15\/2026)\n         <\/div>\n       <\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAllem Anfang wohnen Kapitularien inne\u201c &#8211; Betrachtet man die in der Handschrift M\u00fcnster, Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, msc. VII. 5201 versammelten Texte, lie\u00dfe sich ein solcher Eindruck leicht gewinnen, zumindest in Bezug auf die Neugr\u00fcndung von Kl\u00f6stern in Sachsen nach dessen Einverleibung in das Frankenreich. 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