Capitularia - Edition der fränkischen Herrschererlasse

Turin, Biblioteca Nazionale Universitaria, † Fragment

Beschreibung nach Mordek

Aufbewahrungsort:
Turin
Biblioteca Nazionale Universitaria
† Fragment
Sigle: Tu
Entstehung und Überlieferung
Entstehung:

9. Jh., 2. Hälfte; Oberitalien (Collura: Bobbio; Cau: Bereich von Pavia)

Provenienz:

Accademia delle Scienze, Turin; danach Biblioteca Nazionale, Turin; dort 1904 verbrannt.

Äußere Beschreibung
Material: Pergament
Umfang: leicht dezimiertes Pergamentblatt
Maße: 262 × 168 mm
Schriftraum: ca. 213 × 140 mm
Zeilen: 27-28
Spalten: 1
Schrift: karolingische Minuskel mit zahlreichen Ligaturen
Schreiber: zwei Hände
Inhalte
Anmerkung:

Das von Carlo Cipolla reproduzierte (verso-Seite) und transkribierte Blatt - wohl Rest einer umfangreicheren italienischen Kapitularienhs. - bot Bruchstücke zweier Kapitularien:

  • recto-verso
    CAP. XI-CAP. XIII - Hlotharii capitulare Papiense (a. 832), cc. 11-14: Decernimus ut quisquis aliter testes habere - auioni nostri Karoli continetur (MGH Capit. 2, Nr. 201, S. 61 Z. 38 - S. 62 Z. 27, wie das folgende Kapitular ohne Kenntnis des Fragments ediert; Cipolla, Frammento, S. 207-209).

  • verso
    CAP. - Concessio generalis (a. 823?), Einleitung und c. 1, von c. 2 nur der Anfang: Cum enim in tam paruo spatio - pignorare in bouibus (MGH Capit. 1, Nr. 159, S. 320 Z. 20-31; Cipolla, Frammento, S. 209; Cipolla, Codici Bobbiesi, S. 140). Dem großen Brand von 1904 fiel übrigens auch Cod. Turin, Biblioteca Nazionale Universitaria, J. IV. 24 (14. Jh.) zum Opfer, der nach Patetta, Sull'introduzione, in: ders., Studi, S. 723 einen Ansegis-Auszug mit 1, 119-125 und 2, 18 bot.

Transkription

Editorische Vorbemerkung zur Transkription

Transkriptionsvorlage: Die Transkription erfolgte auf Basis der Abbildung in Cipolla 1883 [im Folgenden zitiert nach dem Sonderdruck mit eigener Paginierung; dem von Mordek verwendeten Aufsatz mit der Paginierung 207-212 entsprechen hier die Seiten 5-10] bzw. der Tafel LV in Cipolla 1907a. Beide Aufnahmen der verso-Seite (in Graustufen bzw. Sepiafarben; die recto-Seite wurde nicht reproduziert) sind von eher schlechter Qualität, so dass die Lesbarkeit teilweise beeinträchtigt ist und keine weiteren Angaben zur farblichen Gestaltung gemacht werden können. Cipolla, der die Handschrift ausführlich untersuchte, bietet eine Transkription des gesamten Handschriftenfragments (Cipolla 1883, S. 5-7), welche zum Abgleich für BK 159 und den hinteren Teil von BK 201 herangezogen wurde. Der Text der recto-Seite sowie der Zeilenfall wurde von Cipolla übernommen und seine Anmerkungen entsprechend eingearbeitet. Bei der Worttrennung wurde allerdings Boretius/Krause gefolgt.

Zur Handschrift

Die Handschrift ist 1904 einem Brand zum Opfer gefallen. Lediglich die Aufzeichnungen Cipollas geben noch Auskunft über den Codex und die in ihm tradierten Texte. Die Transkription Cipollas scheint - sofern nachprüfbar - zum größeren Teil verlässlich. Vom bei Boretius/Krause gebotenen Editionstext von BK 159 weicht der hier vorliegende Text vereinzelt deutlich ab und zeigt Varianten, die in der Edition zumindest nicht vermerkt wurden. Bei BK 201 gibt es kaum gravierende Abweichungen vom Editionstext. Lediglich die Endungen weichen oftmals ab, was aber auch den Auflösungen Cipollas geschuldet sein mag.

Schreiber

Vor Beginn des Fragmentes von BK 159 finden sich auf den Abbildungen kaum noch erkennbare Zeichen - vermutlich Federproben (in no -, die Cipolla einem Schreiber des 11. Jahrhunderts zuweist (Cipolla 1883, S. 7). Nach seinen Angaben ist das vorangehende Fragment von BK 201 von einem Schreiber (A) in hellerer Tinte geschrieben, das zweite (BK 159) in schwarzer. Es ist deutlich erkennbar, dass auf der verso-Seite zwei unterschiedliche Schreiber am Werk waren, wobei Cipolla den Schreiber des zweiten Fragments (B) in das 11. Jahrhundert, den des ersten (recto-verso) ins 10. Jahrhundert datiert. Der Schreiber des zweiten Fragments könnte eventuell auch der Urheber der erwähnten Federproben sein.

Buchstabenformen

Das erste Fragment zeigt im Duktus die typische Schrägstellung der Romanesca. Zahlreiche Ligaturen wie ct, ec, et, ri und ro werden verwendet. Häufig finden sich i-longa. Die Unterlängen sind vereinzelt sehr stark ausgeprägt.

In der eher aufrechten karolingischen Minuskel des zweiten Fragments sind ebenfalls deutlich italienische Einflüsse erkennbar. Auch hier werden zahlreiche Ligaturen (ct, ri, st) verwendet. Schon Cipolla 1883, S. 8 weist beispielsweise auf die Buchstabenverbindungen bei querere (4. Zeile) hin. Meist wird das doppelstöckige a verwendet, nur vereinzelt kommt ein cc-a vor (uindictam, Z. 10). Auch i-longa kommt wieder vor. Bei cunctis in der drittletzten Zeile (verso-Seite) steht ein doppelstöckiges c.

Ob es sich bei den Initialen um unziale Buchstabenformen handelt, wie Cipolla 1883, S. 8 angibt, ist am vorliegenden Material nicht eindeutig zu verifizieren. Die einleitende C-Initiale, die gleichmäßig nach oben und unten über die Zeile herausragt, hat keine Füllung. Bei Similiter (drittletzte Zeile) wird ein einfaches Majuskel-S verwendet, ebenso im vorderen Fragment ein einfaches Majuskel-P (Placuit, 4. Zeile von oben) zu Beginn des 14. Kapitels.

Gliederungsmerkmale

Die Kapitel des ersten Fragments (BK 201) sind teils durch die voranstehende Kürzung Cap mit einer Nummerierung voneinander abgetrennt. Oftmals stehen zusätzlich (einfache?) Initialen zu Beginn eines Kapitels. Kapitel 11, 12 und 13 sind korrekt nummeriert. Bei Kapitel 14, welches am Anfang der vierten Zeile auf der verso-Seite beginnt, ist außer der leicht nach links herausstehenden, einfachen P-Initiale kein weiteres Strukturelement erkennbar.

Das zweite Fragment (BK 159) wird am linken Rand nach einem Freiraum lediglich mit der Kürzung Cap ohne Nummerierung eingeleitet. Der Text weist - außer den Initialen zu Beginn des Prologs (C) und des nach Boretius/Krause zweiten Kapitels (S) mit voranstehender, vermutlich leicht verunglückter Nummerierung (qII?, drittletzte Zeile) - keine weitere Binnengliederung auf.

Benutzungsspuren

Vermutlich sind über uolumus (drittletzte Zeile) Buchstaben nachgetragen. Ansonsten weist die verso-Seite des Fragments keine Benutzungsspuren auf. Für die recto-Seite können keine Angaben gemacht werden.

Sonstiges

Der rechte (innere) Rand der verso-Seite wirkt teilweise ausgefranst, was die Lesbarkeit beeinträchtigt. Die linke untere Ecke wurde vermutlich abgeschnitten. Dies ist allerdings wohl schon geschehen, bevor der Text von BK 159 abgeschrieben wurde, da es hier keinen Textverlust gibt.

BK 201 [fol. recto]
Capitulum · XI ·  
BK 201 c. 11
[BK 201 c. 11]
Decernimus ut quisquis aliter testes habere non potuerit · uolumus ut per commitis iussionem quos in suo testimonio necessarios quisque habuerit ueritatem prolaturi publico conuentu adducantur · ut super ipsos rei ueritas cum iuramento ualeat inqui [!] · quodsi de duobus partibus fuerit inquisitio facta idcirco quod nullus eorum possit habere testes antequam iurent fiant inquisitio facta · Quodsi omnes adunati [!] ad unam partes dixerint testimonio · nium1* iurent uerum dixissent testimonium · quodsi2* dissenserint ex quadam pars testium omnium praebuerint testimonium · et alia alteri tunc interrogetur si audent per pugnam illorum3* testimonium adprobaret quodsi nulla pars alteri cesserit iurent et per pugna probetur illorum testimonio quodsi una pars se substraxerit tunoque [!] illa ausa fuerit contenderit recipiatur a testimonio ;  
1*
Dies gibt - in Ermangelung einer Abbildung - die Transkription Cipollas wieder (Cipolla 1883, S. 6). Es kann nur vermutet werden, dass hier eventuell expungiert wurde und das Wort so vermutlich zu testimonium korrigiert werden sollte.
2*
Nach den Angaben Cipollas wurde si zwischen den Zeilen (vom Schreiber selbst) nachgetragen (Cipolla 1883, S. 6 Anm. 1).
3*
Nach Cipolla vor dem Wort ein radierter Buchstabe (Cipolla 1883, S. 6 Anm. 2).
Capitulum · XII ·  
BK 201 c. 12
[BK 201 c. 12]
Ut super XXX annos seruus liber fieri non possit si pater illius seruus aut mater illius ancilla fuit · similiter et de aldionibus ·  
Capitulum · XIII ·  
BK 201 c. 13
[BK 201 c. 13]
Ut nullus cangellarius pro nullo iudicato aut scripto aliquid amplius acciperit audeat nisi dimidiam libri argenti de maioribus scriptis de minoribus autem infra ipsa dimidia libram quantum rex exposcit ut iudicibus rectum uidetis accipiat · De orfanis uel ceteris pauperibus qui exsoluere hoc non possunt in prouidentia committi sit ut nequaquam inde aliquid accipiat · de indiculis uero nihil accipiat nisi tantum pergamena ubi ipsum indiculum scribere possit · Notarii autem hoc iurare debent quod nullum scriptum falsum faciat nec in occulto aliquis faciat de uno commitatu in alio nisi per licentiam illius commitis4* [fol. verso]5* in [cuius] co[m]mitatu stare debet si uero necessitas itine[r]is aliquem conpullerit aut infirmitas grauis secundum capitularis gen[i]tori nostri faciat quodsi que aliter fecerit inanis et uacuus appareat ·  
4*
gek. com
5*
Die folgende Transkription beruht auf den Abbildungen.
BK 201 c. 14
[BK 201 c. 14]
Placuit nobis ut hec capitula6* que exerpsimus de capitulis sancte †††††7* memoriae aui nostri karoli ac domni8* et genitori nostri hludouu[ici] imperatoris ab omnibus sancte dei ecclesię et nostris fidelibus in regno italiae consistentibus pro lege teneantur et obseruentur et quicumque horum c[.]pitulorum contemptor existeterit [!] sexaginta solidorum multo[...] componat9* sicut in capitulis10* predicti domni11* auioni [!] nostri karoli contine[tur]  
6*
gek. cap
7*
Schemenhaft ist ein Buchstabe (a?) mit Kürzungsstrich zu erkennen.
8*
gek. dom
9*
gek. com
10*
gek. cap
11*
gek. dom
BK 159
12* Capitulum  
[BK 159 Prolog BK 159 c. 1]
BK 159 PrologCum enim in tam paruo spatio temporis iuxta quod potui[m]us hoc tota intentione laborare studui[m]us qualiter salu[at][.][o] nostra et istius regni maneat in futurum / etiam hoc nobis desiderium f[...]13* querere14* qualiter nos15* erga16* uos beniuolos ostendamus ; generali[...] cunctis ecclesiis ad liberis personis · ad consolationem eorum et ad illo[rum] bonam uoluntatem corroborandam et fidelitate17* eorum sicut semper erga nos seruauer[u]nt conseruandam uolumus hoc beneficium prestare · BK 159 c. 1ut cuiuscumque seruus liberam feminam sibi e[.] consentiente in coniugio copulauerit et infra anni spat[i][.]m ad uindictam traditi non fuerint sicuti lex tales personas nostro fisco sotiat · ita nos nostra liberalitate concedimus · ut in pot[..]tate et seruitio domini illius cuius seruus fuit ambo reuertantur ·  
12*
Ab hier Wechsel der Schreiberhand, vgl. die Vorbemerkung.
13*
Cipolla 1883, S. 7 transkribiert hier fuit und darauf folgend zwei fehlende Zeichen, die er nach der Edition von Pertz 1835, S. 233 als in und damit als dem nachfolgenden querere zugehörig versteht.
14*
e1 korr. (?)
15*
s korr. (?)
16*
e korr. (?)
17*
korr. aus fidelitatem
qII18*  
BK 159 c. 2
[BK 159 c. 2]
Similiter concedere uolumus cunctis liberis personis ut nullus iudex publicus seu ministri publ[ic][.] eos contra legem audeat pignorare in bouib[us]  
18*
Auf den Abbildungen ist die Zeichenfolge qII zu erkennen. Nach Cipolla 1883, S. 7 Anm. 3 stehen die Buchstaben vermutlich über einer Rasur einer älteren Hand. Er vermutet, dass es sich hier um ein verunglücktes Betonungszeichen (?) handelt und schlägt vor, VIII zu lesen (Cipolla 1883, S. 9). Die Angaben Cipollas sind auf Basis der Abbildungen nicht zu verifizieren. Eventuell könnte dort auch CIII stehen, was jedoch ebenfalls keinen Sinn macht.